Wenn man an Aktien denkt, fallen einem alle möglichen Dinge ein. Da wäre zunächst einmal der Börsencrash 2008, ausgelöst durch die Pleite der Investment-Bank Lehman Brothers. Dann Filme wie »Wall Street« mit Michael Douglas oder »The Wolf of Wall Street« mit Leonardo DiCaprio. Aber auch Bilder vom traditionellen Börsenparkett, auf dem sich Männer mit Anzug und Krawatte die Seele aus dem Leib schreien. Heute sitzen diese Männer stillschweigend vor einem Computer, schließlich findet der Wertpapierhandel Großteils im Internet statt. Die Zeiten haben sich also geändert.

Haben sie das?

Obwohl die New Yorker Börse zum zweiten Mal in ihrer 226-jährigen Geschichte mit Stacey Cunningham eine weibliche Chefin hat und Frauen laut mehrerer Studien das bessere Händchen bei Geldanlagen besitzen, ist der Finanzmarkt nach wie vor eine Männerdomäne. Und zwar nicht nur an der Wall Street, sondern weltweit.

 

© Lukas Beck

Warum eigentlich?

Die österreichische Finanzmathematikerin, Stockbrokerin und Ex-Aufsichtsrätin Larissa Kravitz fragt sich das schon seit Langem. Nachdem sie als 20-Jährige neben ihrem Studium als Aktienhändlerin tätig war, mischt sie im Investment-Spiel mit – und vermisst dabei häufig weibliche Gesellschaft. Kravitz ist verwundert darüber, dass so wenig andere Frauen Spaß daran haben, die spannende Welt des Kapitals zu ergründen. »Die Börse hat die Eigenschaft, dass sie die menschliche Psyche spiegelt,« schreibt die 35-Jährige in ihrem neuen Buch »Money, honey!«. »Man begegnet starken Emotionen wie Angst und Gier oder unserem Herdentrieb, der sich manchmal in bizarren Trends äußert.« Die Beschäftigung mit Wertpapieren ist in ihren Augen aber nicht nur aufregend und kein bisschen langweilig, sondern stellt auch keinesfalls ein »Männerthema« dar. »Die Börse ist blind«, meint sie. »Ihr ist egal, welche Hautfarbe du hast, wie alt du bist, welches Geschlecht du hast oder wo du geboren bist. Wenn du investierst, zählen dein Wissen, deine Leistung, dein Geschick und manchmal auch dein Glück oder Pech.« Larissa Kravitz hat schon als Sechsjährige ihre Eltern– beide arbeiteten in Banken, der Vater Mike Lielacher galt in den Achtzigern als Börsenguru – zu Finanzthemen gelöchert und dabei die Antwort gehört: »Das darf ich nicht sagen, das ist Bankgeheimnis.« Seitdem war sie wild entschlossen, das Bankgeheimnis zu lüften. Ihr Weg durch die Finanzwelt führte sie auf Reisen von Los Angeles bis Tel Aviv, sie zog nach Prag, um im Währungshandel einer französischen Bankengruppe zu arbeiten, leitete mit 25 die Treasury eines börsenorientierten Solarenergie-Unternehmens und wurde mit 32 Aufsichtsrätin bei Immofinanz. In all diesen Zeiten sammelte sie »viel Wissen, viel Erfahrung und viele Geschichten« an. Jetzt will sie ihr Know-how an andere Frauen weitergeben: Mit ihrem Label Investorella, das sie letztes Jahr gegründet hat, hält Kravitz Investitionsseminare ab und  betreibt einen Podcast (investorella.podigee.io). Ihre Mission: die finanzielle Autonomie von Frauen durch Bildung zu stärken. Genau darauf zielt auch »Money, honey!« ab, ein höchst informativer und sehr unterhaltsam geschriebener Ratgeber, in dem sie Frauen die Grundlagen des Finanzmarkts erklärt – und ihnen Tipps gibt, wie sie ihr Geld selbstbewusst managen und nachhaltig anlegen können.

SHEconomy: Laut Ihrer Investorella-Website wollen Sie 100 Millionen Frauen dazu bringen, nachhaltig zu investieren und vorzusorgen. Sie veranstalten zu diesem Zweck Workshops, betreiben einen Podcast – und haben jetzt auch ein Buch geschrieben. Warum ist Ihnen dieses Thema so ein Anliegen?

Larissa Kravitz: Das hat verschiedene Gründe. Altersarmut ist ein großer Risikofaktor – besonders für Frauen, die aktuell doppelt so oft davon betroffen sind wie Männer. Sieht man sich die Prognosen an, so kann man davon ausgehen, dass die Pensionen zukünftig geringer ausfallen. Somit wird die individuelle Vorsorge wichtiger. Zudem geht es auch um Autonomie und Freiheit. Wenn Frau sich einen Notfallsfonds und Schritt für Schritt ein Vermögen aufbaut, ist sie flexibler, was die Lebensgestaltung betrifft.

Es heißt immer, Frauen wären weniger risikofreudig – und deshalb seltener am Finanzmarkt vertreten. Inwieweit ist Risikofreude ein Erfolgskriterium?

An sich ist Risikofreudigkeit kein Erfolgskriterium, sondern vor allem das neutrale Evaluieren von Risiko & Rendite und das Optimieren dieses Verhältnisses. Frauen tendieren meiner Erfahrung nach dazu, ihre Investments länger und genauer zu evaluieren, was an sich ein vorteilhaftes Verhalten ist.

Weibliche Gehälter sind immer noch niedriger als männliche. Woher sollen schlecht bezahlte Frauen das Geld für Investitionen nehmen?

Der Gender Pay Gap schrumpft zum Glück. Abgesehen davon kann man – egal, ob Mann oder Frau – verschiedene Schritte unternehmen, um mehr Geld zur Verfügung zu haben. Bei einem Jobwechsel sind für gewöhnlich größere Gehaltssprünge drin als durch Erhöhungen verhandelbar. Man sollte auch auf jeden Fall jedes Jahr die eigenen Ausgaben analysieren, um Geld, das in unnötigen Konsum fließt – zum Beispiel in Abos, die man nicht mehr nutzt – in Investments umzuleiten. 

»Das Wichtigste beim Investieren sind eigentlich Geduld und Ruhe.«

Frauen neigen ein wenig zu dem Satz »Ich kann das nicht«. Was muss man denn als Investorin können?

Das Wichtigste beim Investieren sind eigentlich Geduld und Ruhe. Die Wertpapieranalyse lässt sich durch Bücher und Workshops gut erlernen. Wenn man in breit gefächerte Wertpapiere investiert – zum Beispiel Anleihen-ETFs oder global gestreute ETFs – so hat man bereits relativ simple Produkte, mit denen man beginnen kann.

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Zahlt man als Anfängerin immer »Lehrgeld«? Was sind die häufigsten Fehler?

Es gibt zwei Arten, Lehrgeld zu zahlen. Die erste ist, dass man sich Bücher zu dem Thema kauft, gelegentlich die Financial Times, The Economist oder Der Aktionär und vielleicht Workshops besucht, um sich ein paar Wochen lang weiterzubilden, und dann investiert. Die zweite ist, dass man irgendwelche Aktien kauft und dann schaut, was passiert. Der erste Weg ist erfahrungsgemäß der günstigere. Der häufigste und teuerste Fehler ist, wenn man in ein Produkt investiert, das man nicht versteht.

Welche Frage bekommen Sie in Ihren Investorella-Workshops am öftesten zu hören?

Die Teilnehmerinnen fragen oft, woran man nachhaltige Investments erkennt und wie verschiedenen Arten von Investments, zum Beispiel Crowdfunding oder Cryptowährungen funktionieren.

In Ihrem Buch weisen Sie darauf hin, dass man sich aussuchen könne, ob man in einen Rüstungs- oder  einen Recylingkonzern investiert. Macht sich umweltfreundliches Investment wirklich bezahlt?

Ja, mittlerweile gibt es genug Daten dazu, um das wissenschaftlich zu analysieren. Einige Studien der letzten Jahre zeigten, dass nachhaltige Investments besser performen. Das hat verschiedene Gründe, zum Beispiel weniger Skandale (durch bessere Transparenz) und günstigere Finanzierungskosten.

Sie wollen Ihre Leserinnen auch für das sogenannte »Activist Investment« begeistern. Was versteht man darunter? Und welche Vorteile bringt es?

Darunter versteht man, sich als Aktionärin aktiv zu engagieren und konkrete Verbesserungen von der AG zu verlangen. Dazu gehört natürlich auch, dass man andere Aktionärsgruppen von diesen Ideen überzeugt. In den USA und UK funktioniert das bereits gut. Hier konnte eine Gruppe Aktivistinnen den Konzern Royal Dutch Shell (Ölgesellschaft) dazu bringen, wesentlich früher als geplant CO2-neutral zu werden. Engagierte Aktionärinnen sind ein wichtiger Faktor in der Verbesserung unseres Wirtschaftssystems.

Kann man sich gegen Finazkrisen absichern? Und wenn ja, wie?

Die simpelste und einfachste Form der Risikoabsicherung ist die Stopp-Loss-Order. Hierbei wird das Wertpapier automatisch verkauft, wenn der Kurs unter ein gewisses Niveau fällt. Somit kann man das Verlustrisiko relativ einfach und effektiv begrenzen.

Wenn Sie heute eine Verkäuferin wären, die 1.500 Euro netto im Monat verdient und sich 1.000 Euro Investment-Startkapital zusammengespart hat, wie würden Sie das Geld investieren?

Die simpelste Form des Investments ist zu Beginn ein Pantoffelportfolio. Es enthält im Prinzip nur zwei Wertpapiere, einen Anleihen-ETF und einen breit diversifizierten Aktien-ETF mit den 1.500 größten Unternehmen. In dem konkreten Fall würde ich jedoch etwas anderes empfehlen: dass die Verkäuferin EUR 700 in ihren Notfallsfonds legt und jeweils 150 EUR in jeden der beiden ETFs, und dazu einen monatlichen Sparplan einrichtet, bei dem sie EUR 50 bis 100 je ETF pro Monat investiert.

Money, honey!

Vorsorgen und Investieren für Einsteigerinnen, 240 Seiten. 
Kremayr & Scheriau (2020), 22 Euro

Larissa Kravitz macht Schluss mit dem Mythos vom Finanzmarkt als Männerdomäne und führt ihre Leserinnen an Investment-Grundlagen wie Online- Depots, ETFs, Aktien, Dividenden oder REITs heran. Außerdem verrät sie ihre Spar-Hacks, hilft beim Erstellen des ersten Portfolios und erklärt, wie jede Frau den Broker ihrer Träume finden kann.

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