Die aktuelle Situation hat uns ja ganz klar darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den sogenannten systemerhaltenden Jobs um jene Jobs handelt, ohne die unsere Gesellschaft in Krisenzeiten massiv ins Straucheln käme, dass das aber auch jene Jobs sind, die in der Regel nicht gut bezahlt sind. Viele davon (Nahversorgung, Pflege) werden zum Großteil von Frauen ausgeübt. Wird sich diese »Erkenntnis« nachhaltig auswirken – auch in Bezug auf die Gehälter? Warum wäre das so wichtig? 

Im Gegensatz zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 wird die gesellschaftliche und ökonomische Bedeutung von Sorge- und Versorgungsarbeit, die mehrheitlich von Frauen geleistet wird, im Zuge der Coronakrise unübersehbar, sie wird sogar als »systemrelevant« hervorgehoben. Die entscheidende Frage ist, ob diese Sichtbarkeit und symbolische Form der Anerkennung auch materielle Konsequenzen haben werden. Wer oder was wird gerade – und auf wessen Kosten – gerettet, wer oder was wird nach der Coronakrise als systemrelevant gelten?

Werden Löhne und Gehälter in sogenannten Frauenbranchen wie Reinigung, Pflege und Handel angehoben, werden Doppel- und Mehrfachbelastungen reduziert, wird die Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit mit Nachdruck thematisiert und durch Maßnahmen wie etwa eine schrittweise Arbeitszeitverkürzung institutionell ermöglicht? Entscheidend wird auch sein, ob der Sozialstaat und seine Sozial- und Gesundheitssysteme nach der Krise wieder aufgewertet und gestärkt werden.

© Anna Reinhartz

Die Situation, in der wir uns gerade befinden, unterstreicht auch die Wichtigkeit der sogenannten Care-Arbeit und zwar so, dass es eigentlich nicht mehr zu ignorieren ist. Könnte bei der Bewertung dieser Arbeit ein Umdenken stattfinden? 

Diese Coronakrise könnte dazu beitragen, dass das öffentliche Verständnis für die gesellschaftliche und ökonomische Bedeutung von Care-Arbeit zunimmt. Krise und Kritik haben schließlich eine gemeinsame Wortherkunft im Griechischen (Anm.: krises – entscheiden; kriein – urteilen) und verweisen auf die Möglichkeit der Veränderung. Dass die unbezahlte oder unterbezahlte Care-Arbeit unabhängig von Krisen und Konjunkturschwankungen die Bedingungen nicht nur für Marktökonomie und Konsum, sondern auch und vor allem für das Überleben schafft, ist in der feministischen Ökonomie eine empirisch schon lange gesicherte Erkenntnis, wird jedoch gemeinhin verdrängt.

Der historische Hintergrund ist, dass Sorge- und Versorgungsarbeiten sich im 18. Jahrhundert neuformierenden Haushaltsformen stattfand und stark mit Weiblichkeit verknüpft wurde. Auf der einen Seite stand das Weibliche, das sich »naturgemäß« um andere sorgt, hauptsächlich in die private, familiäre Sphäre verwiesen war und mit Selbstaufgabe und Abhängigkeit einherging. In starkem Widerspruch dazu wurden damals die Erwerbsarbeit und auch die Politik definiert: Sie fanden und finden in der Öffentlichkeit, waren und sind stark männlich geprägt. Diese Polarisierung zwischen öffentlichen und privaten, bezahlten und un- oder unterbezahlten Tätigkeiten ist grundlegend für Geschlechterhierarchien und Stereotypisierung und hat sich bis ins 21. Jahrhundert fortgesetzt.

Unsichtbaren Arbeiten wie Putzen, Kindererziehung, Betreuung von Pflegebedürftigen, Organisation des Alltags und Versorgung mit Lebensmitteln, die in Österreich zu zwei Dritteln unbezahlt von Frauen geleistet werden, sichern also Existenzen. Je nach Messung und Bewertungsmethode wäre das Bruttoinlandsprodukt um 40 bis 60 Prozent höher, würden diese Arbeit als ökonomisch relevant erachtet werden. Eigenständige Existenzsicherung ist heutzutage für viele Frauen aufgrund von Hierarchien am Arbeitsmarkt, Einkommensnachteilen und Sozialsystemen, die Dauer von Erwerbsarbeitszeiten und Höhe von Erwerbseinkommen honorieren, hingegen nicht möglich.

Die Coronakrise könnte dazu beitragen, dass das öffentliche Verständnis für die gesellschaftliche und ökonomische Bedeutung von Care-Arbeit zunimmt.

Bei vielen Familien steht ja gerade Homeoffice am Programm. Ändern sich dadurch möglicherweise auch Rollenverteilungen?

Aus Studien ist bekannt, dass sich an traditioneller Arbeitsteilung und Vorstellungen wenig ändert, wenn Väter im Homeoffice arbeiten. Sie beteiligen sich kaum an Kindererziehung und Haushaltsarbeit. Von Frauen hingehen wird angenommen, dass sie im Homeoffice weniger produktiv sind, weil sie von Kindererziehung und Haushaltsarbeit vereinnahmt werden. Diese stereotype Annahme basiert auf stereotypen Verhältnissen: Zurzeit beziehen nur 3,8 Prozent der Väter in Österreich Kinderbetreuungsgeld und wenn Männer überhaupt in Karenz gehen, dann nur sehr kurz. Die von vielen Vätern befürchteten beruflichen Nachteile in Form von Einkommensverlusten, Arbeitsintensivierung, Karrierestagnation und sozialen Sanktionen bestimmen die ganz normalen Lebens- und Arbeitsrealität von Müttern. Sie müssen seit jeher Kinder und Beruf vereinbaren und Abstriche in Kauf nehmen. Aufgrund der geschlechtsspezifischen Zuweisung und Bewertung von Arbeit und frauenfeindlichen Stereotypen werden Müttern berufliche Ambitionen abgesprochen und unbezahlte, unsichtbare Haus-, Erziehungs- und Sorgetätigkeiten zugewiesen. Dies führt dazu, dass zwei Drittel der unbezahlten Arbeit in Österreich nach wie vor von Frauen geleistet wird, die Teilzeitquote von Frauen bei 47,5 Prozent liegt. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Frauen zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes durchschnittlich 51 Prozent weniger als im Jahr vor der Geburt verdienen und ihre Aufstiegschancen sinken.

Schon während der aktuellen Krise wäre es notwendig, Maßnahmen zu setzen, um der Verschärfung von Geschlechterungleichheit und sozialen Verwerfungen entgegenzuwirken.

Vor der Krise konnte man die Tendenz feststellen, dass öffentliche Angebote und Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitssystem, der Kinderbetreuung, der Pflege und Altersversorgung gekürzt, eingestellt oder vermarktlicht werden und sich die von Nancy Fraser diagnostizierte »Krise der sozialen Reproduktion« zuspitzt. Da diese versorgungsökonomischen Leistungen, wie die Coronakrise zeigt, überlebenswichtig sind, könnte sich der Druck auf Frauen sogar noch erhöhen, diese entweder un- oder unterbezahlt zu erbringen oder – wenn es sich ein Haushalt nicht leisten kann, auf das Einkommen der Frau zu verzichten – auf Migrantinnen abzuwälzen. Die so entstehenden Sorgelücken verursachen wiederum soziale Verwerfungen in ärmeren Regionen.

Schon während der aktuellen Krise wäre es notwendig, Maßnahmen zu setzen, um der Verschärfung von Geschlechterungleichheit und sozialen Verwerfungen entgegenzuwirken. Viele Verkäuferinnen sind aktuell nicht nur gesundheitlich gefährdet, sondern auch armutsgefährdet. Der Wegfall öffentlicher Betreuungsmöglichkeiten bedeutet eine Verdichtung von Versorgungsarbeit und Mehrfachbelastungen.

Obwohl die Zahlen natürlich sehr viel besser sein könnten, hat sich in vielen Unternehmen in der letzten Zeit einiges getan, wenn es um die Themen Diversität und Equality ging. Werden diese Aspekte nach der Krise wieder in den Hintergrund rücken oder könnte vielleicht sogar das Gegenteil der Fall sein?

Das kommt darauf an, wie die Krise verläuft, ob Wirtschaftshilfen greifen und an welche Kriterien diese geknüpft werden. Organisationen reagieren in unsicheren oder krisenhaften Zeiten oft regressiv, was sich in Massenkündigungen oder auch darin äußern kann, Nachhaltigkeits- oder Gleichstellungsprogramme zu beenden. Auch in der staatlichen Krisenpolitik spielen ökologische, frauen- und gleichstellungspolitische Überlegungen kaum eine Rolle. Das sollte sich grundlegend ändern, denn Nachhaltigkeit und Gleichstellung sorgen vor, während und nach einer Krise sowohl für wirtschaftliche als auch für gesellschaftliche Stabilität.

 

Christian Berger (geboren 1991) ist Referent in der Arbeiterkammer Wien im Bereich Wirtschaft/Digitalisierung, Berater und Coach im Bereich Gender Equality Management und ist einer der Sprecher*innen des Frauenvolksbegehrens. Er war unter anderem Experte für den »Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter« des Europaparlaments. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Gleichstellungsrecht und -politik, Feministische Politische Ökonomie, Populärkultur und Kulturkritik. Er empfiehlt außerdem den Band »Wen kümmert’s?« zu unsichtbarer Sorgearbeit, der Ende letzten Jahres erschienen ist und an dem er mit zwei Texten als Autor beteiligt ist.

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