Sich andauernd mit anderen zu vergleichen ist nicht gut und nicht gesund. Abgesehen davon, dass es einem selbst auch einfach nichts bringt. Dennoch ist es uns scheinbar ein Bedürfnis, das sich auf sehr geballte Weise zum Beispiel beim Klassentreffen, aber auch beim Familientreffen entlädt. Unterm Strich: Es kommt in den besten Familien und Freundeskreisen vor. Was sich allerdings verschoben hat, sind die Inhalte dieser Vergleiche. Die Vergleichswerte sozusagen. War es früher noch die Anzahl getroffener Prominenter oder die Menge gesehener Konzerte, so ist es jetzt die Anzahl der Jobs, der Projekte oder ganz einfach der Arbeitsstunden. Wir vergleichen unsere Kalender oder unsere Bullet Journals. Ähnlich dem Songcontest-System hat nur die- oder derjenige eine Chance, die oder der mindestens 10 Punkte vorzuweisen hat. Alle anderen können sich gleich eine Kugel ins Bein jagen. Gewissermaßen.

Gut beobachten lässt sich das vor allem in Zügen. Meistens wird gleich nach der ersten Kontaktaufnahme zwischen Beinbekleidung und Sesselüberzug der Laptop aufgeklappt und schon geht es los. Wer jetzt nicht beschäftigt ist, ist nicht wichtig. So der Schluss. Oder wohl eher der Trugschluss. Und das ist ganz und gar nicht unbegründet, schließlich wird es einem in fast jeder Netflix-Serie auch genauso vorgelebt. Entspannungsphasen gibt es einzig dann, wenn das Bullet Journal mit bunten Gel-Stiften in Form gebracht wird. Aber nur dann. Sonst praktizieren wir unsere ganz eigene Interpretation von Hingabe. Oder bemühen uns, so sehr in unserem Beruf aufzugehen, dass wir einem Luftballon kurz vor dem Platzen ähneln.

Und warum? Weil wir in einer Zeit leben, in der nicht beschäftigt zu sein, schnell mit Faulheit oder Arbeitslosigkeit gleichgesetzt wird. Gestresst und beschäftigt zu sein – oder zumindest so zu wirken – bedeutet immer auch, das Leben total im Griff zu haben. Den Rest erledigt das Bullet Journal. Paradox eigentlich. Das führt auch dazu, dass wir unsere Freizeit und unser Privatleben diesem Stresspegel unterordnen. Oft ertappt man sich sogar dabei, dass man Menschen, die als inspirierende Persönlichkeiten eingestuft werden, eigentlich völlig überarbeitete Dauergestresste sind. Und dann kommt schließlich auch noch der anfangs erwähnte Vergleich dazu: Möglicherweise überlebt man ja im ständigen Konkurrenzkampf, wenn man einfach mehr macht. Und zwar täglich ein bisschen mehr.

Gefährlich wird es also dann, wenn Stress mit tatsächlicher Produktivität verwechselt wird. Zeit kann jedoch keine keine Messlatte für wertvolle Arbeit sein. Wenn erfolgreiche Führungspersönlichkeiten und Influencer wie Gary Vee erzählen, dass sie jeden Morgen von sechs Uhr bis 22 Uhr abends hustlen, dann ist das keine Zauberformel für unternehmerischen Erfolg. Im Umkehrschluss fühlen sich diejenigen, die Stress haben, dadurch scheinbar auch angespornt. So zeigt die Studie »Entspann dich, Deutschland« der deutschen Techniker Krankenkasse, dass fast jeder Zweite durch Stress zur Hochform aufläuft. Ebenso empfinden 46 Prozent derjenigen, die unter Termindruck leiden, ein kontinuierliches Stresslevel als Motivator. Vermutlich liegt das daran, dass wir Stress als Statussymbol und Messkriterium für den beruflichen wie persönlichen Erfolg begreifen. Ist man immer erreichbar ist, ständig unter Druck und »kann gar nicht anders«, entsteht automatisch ein Gefühl der Unentbehrlichkeit. In diesem Fall kann es lohnenswert sein, wieder einmal mit einem Menschen zu sprechen, der einem diesen harten, aber altbewährten Satz an den Kopf knallt: »Jeder und jede ist ersetzbar.«