Ein Führungsjob in Teilzeit kommt selbst im Jahr 2020 vielen noch wie ein völlig absurdes Modell vor, das sich nur sehr schwer in die Realität des normalen Arbeitsalltags integrieren lässt. Dabei wird doch immer wieder davon gesprochen, dass Führung dann als besonders effizient eingestuft werden kann, wenn das Team ohne ständige Anleitung und Überwachung gute Arbeit leistet. Frauen wie Sabine Kleinhagauer, die einen Führungsjob in Teilzeit ausüben, sind in Österreich daher noch sehr selten. Für das Teilzeitmodell hat sie sich deshalb entschieden, weil sie sich auch um ihre dreijährige Tochter kümmern möchte. Das hat sie jedoch nicht davon abgehalten, einen spannenden Führungsjob beim schwedischen Möbelhersteller Ikea anzunehmen. »Ich arbeite momentan für die Entwicklung des Ikea-Standortes am Wiener Westbahnhof und führe die Agenden für alle Bereiche, die mit Convenient Shopping Experiences zu tun haben. Ich plane also die Services im Store und wie das Ganze funktionieren wird. Es ist also eher eine Projektführung als eine Mitarbeiterführung«, so Kleinhagauer. Dass ihre Arbeit eher projektbezogen ist, macht es ihr ein wenig leichter, ihre Arbeit in 27 Wochenstunden unterzubringen. Schnittstellen, die mehr physische Anwesenheit benötigen, fallen weg. Davor war Sabine Kleinhagauer Customer Relation Managerin für Österreich, also Teil des Managementteams.

Sabine Kleinhagauer, IKEA Österreich

Die Erfahrungen, die sie in der Zeit vor der Teilzeit gesammelt hat, helfen ihr nun dabei, ihren Führungsjob so gut und effizient wie möglich auszuüben. »Hätte ich diese Kompetenzen noch nicht, wäre es jetzt vermutlich deutlich schwieriger. Mit gewissen Grundkompetenzen und Erfahrungen wächst auch das Selbstvertrauen. Wenn ich weiß, dass etwas funktioniert oder auch nicht, bin ich viel entspannter. Und man wird natürlich auch effizienter. Das darf man nicht unterschätzen.« Außerdem ist sie davon überzeugt, dass ein Führungsjob in Teilzeit dann am besten funktioniert, wenn man bereits Führungserfahrung hat. »Ich weiß einfach, wo ich keine Abstriche machen darf. Einfach auch deshalb, weil ich ein Bewusstsein dafür entwickelt habe, wie wichtig es ist präsent zu sein, Beziehungen zu pflegen und seine Vorbildfunktion zu kennen.« Weil sie ständig für beide Agenden, also sowohl für ihre Tochter als auch für ihren Job, verfügbar sein muss, hat sie es immer wieder mit kleineren und größeren Herausforderungen zu tun. »Es geht darum, auch die ungeplanten Sachen zu planen«, erklärt sie lachend. Was zunächst widersprüchlich klingt, wird mithilfe ihrer Erklärungen schnell nachvollziehbarer: »Ich glaube, dass es einen Unterschied zwischen reiner Organisation und dem Management von Abweichungen gibt. Planen ist für mich das Managen von Abweichungen. Das bedeutet, dass man agil in der Veränderung sein muss.« Eine Fähigkeit, die sich, wie Kleinhagauer betont, aus der Teilzeit hinaus entwickeln lässt. »Weil man sonst ja ständig frustriert wäre. Man darf sich nämlich nie wirklich daran gewöhnen, dass die Grundorganisation gut funktioniert. Es passiert immer etwas.«

Funktionieren kann Führung in Teilzeit jedoch nur dann, wenn Führungskraft und Unternehmen dazu bereit sind, außerhalb der bestehenden Bahnen zu denken. Bei Ikea ist das Beschreiten ungewöhnlicher Wege, wie Kleinhagauer hervorhebt, fest in der DNA des Unternehmens verankert. Die österreichische Firmenkultur sei dafür häufig noch zu konservativ ausgerichtet. Dass sie dieser, für viele vielleicht ungewöhnliche Weg, an einen sehr guten Platz in ihrem Leben gebracht hat, kann Sabine Kleinbauer aber nur bestätigen: »Ich finde mein Leben unglaublich reich. Ich habe die Möglichkeit am Nachmittag am Spielplatz zu stehen und in die freudigen Augen meiner Tochter zu schauen und kann am Vormittag aber großartige neue Serviceideen entwickeln, mit einem sehr motivierten und lustigen Team.« Die neue Art von Achtsamkeit, die sie dabei entwickelt hat, hat ihr schon in vielen verschiedenen Situationen ihres Lebens weitergeholfen. »Wenn ich im Büro bin, bin ich zu 100 Prozent im Büro und wenn ich am Spielplatz stehe, dann versuche ich auch wirklich dort zu sein. Die Fähigkeit sich selbst mental zu führen, ist dabei unglaublich wichtig.Führung fängt mit einem selbst an. Nur wenn ich mich selbst führen kann, dann kann ich eine gute Mutter und eine gute Arbeitskraft sein.«

Auch bei einem anderen schwedischen Unternehmen hat Führung in Teilzeit schon verstärkt Einzug gehalten. Nämlich bei der Textilhandelskette h&m. Auch wenn die Vorstellung immer noch sehr verbreitet ist, dass man in einer Führungsposition 24/7 erreichbar sein muss und auch sehr lange Arbeitstage hat, wie eine Mitarbeiterin der Kommunikationsabteilung von h&m Österreich erklärt. Dass den Unternehmen große Chancen entgehen, wenn sie solche Möglichkeiten und Modelle nicht in ihre Firmenkultur integrieren, davon ist man beim schwedischen Bekleidungshersteller aber fest überzeugt. »Führungskräfte in Teilzeit zu haben, ist für Unternehmen eine wichtige Chance, denn Wissen und Erfahrung der Mitarbeiterin sind ja da. Das nicht zu nutzen, wäre schade.« Zu den großen Herausforderungen zählt allerdings auch hier, dass die Zeit für persönliche Gespräche mit den eigenen Mitarbeiter*innen knapp ist – Zeit, die unter anderem auch dafür da wäre, um Feedback zu geben und zu motivieren.