Männer pflegen eine jahrhundertealte Tradition des Netzwerkens. Mit Erfolg, denn Männer haben Macht. Den Zusammenhang zwischen Kooperation und Karriere haben freilich auch Frauen längst erkannt. Das internationale Frauennetzwerk Business & Professional Women (BPW) besteht bereits seit 1930. In Österreich gibt es etablierte Bündnisse wie etwas das Frauennetzwerk alpha, das 1987 von ÖVP-Politikerin Maria Rauch-Kallat gegründet wurde. Und die Österreich-Filialen der globalen Netzwerke BPW und Professional Women’s Network bestehen seit mehr als zwei Dekaden. Doch auch frische Frauennetzwerke machen von sich reden, was das Argument widerlegt, dass das Konzept überholt sei und jüngere Frauen ohnehin nicht interessiere. Hochaktiv sind etwa Sorority sowie das Gründerinnen-Netzwerk Female Founders. Seit die Female Founders im April 2016 die Start-up-Szene betraten, sind sie dort nicht mehr wegzudenken. Die Plattform vernetzt Frauen, die an Entrepreneurship und Gründung eines Start-ups interessiert sind. Denn selbst in diesem jungen Wirtschaftsbereich ist die Kluft zwischen den Geschlechtern groß: Derzeit sind nur etwa zehn Prozent der österreichischen Start-up- Gründerinnen weiblich. Die Idee dazu hatten Investmentexpertin Lisa Fassl – sie ist Managing Director der Austrian Angel Investors Association (aaia) – und Tanja Sternbauer, Managing Partner des hochkarätigen Accelerator-Programms Startup Live, vor drei Jahren. Die Gründung des Netzwerks schoben die beiden ein paar Monate vor sich her. Eine Interviewanfrage der Tageszeitung KURIER gab den Anstoß zum Turbostart. Dann ging es Schlag auf Schlag: Die Website ging live, ein Interview mit Lisa Fassl wurde veröffentlicht, der Verein gegründet. 

Im Sommer 2016 dockte Nina Wöss an und seither managt der Dreiervorstand die Community mit rund 4500 Mitgliedern, die auch Männern offensteht. Kernstück sind Meet-ups, etwa das bewusst niederschwellig gehaltene Format »Ask anything«, wo bis zu 120 Teilnehmerinnen vorbeischauen. Die Female-Founders-Sommerparty in der Pratersauna ist eines der gesellschaftlichen Highlights der Wiener Start-up-Szene. Im Vorjahr fand das erste Bootcamp – das große Projekt der Female Founders – statt. Heuer lief das Mentorinnen- Programm an und für 2019 ist eine internationale Konferenz zum »Female Empowerment for Entrepreneuers« sowie ein Accelerator-Programm für Start-ups geplant.

DIE MACHT DER MENTORIN

Mentorinnen-Programme sind nicht nur bei den jungen Frauennetzwerken Pflicht. Denn es hat sich herumgesprochen, dass sie wirken. Eine Mentorin unterstützt  ihren Schützling dabei, Ziele rascher zu erreichen. Üblicherweise wird je eine Mentee mit einer Mentorin für mehrere Monate zusammengespannt. Rhina Portillo ist Architektin aus Costa Rica und gründete in Wien zusammen mit zwei Partnern das Start-up Cozyo – eine innovative Interior-Design-App, die im Dezember auf den Markt kommt. Portillo dockte im Vorjahr bei den Female Founders an und ergatterte einen Platz im Bootcamp. Seither hat ihr das Netzwerk bereits zwei Mentorinnen zur Seite gestellt, dabei hatte Portillo die Qual der Wahl. »Die haben so viele tolle Leute«, sagt sie. Die Gründerin hat sich beide Male für Wagniskapital-Expertinnen entschieden. Aktuell ist Helene Ametsreiter von Speedinvest ihre Mentorin. Portillo selbst hat ein paar Tipps parat, wie Mentees die Unterstützung optimal nutzen können. Diese direkte Förderbeziehung ist der vielleicht größte Fortschritt von Frauennetzwerken in den vergangenen Jahren. »Das gab es zu meiner Zeit leider noch nicht«, erinnert sich Susan Brunner, Senior Sustainability Positioning Manager der Mondi Group, die sich seit gut 20 Jahren im internationalen Professional Woman Network (PWN) engagiert. PWN wurde 1993 unter dem Namen Women’s Career Network gegründet und ist Teil von PWN Global mit Clubs in weltweit 28 Städten. Die rund 100 Mitglieder von PWN Vienna sind mehrheitlich sogenannte Expats. Ziel des branchenübergreifenden globalen Netzwerks ist Gleichgewicht im Leadership zu erreichen. Netzwerksprache ist Englisch.

»Sie wünschen sich, sie hätten selbst eine Mentorin gehabt, als sie am Anfang ihrer Karriere standen«

Zwar gilt beim Netzwerken das »Give & Take«-Prinzip, doch junge Frauen, die noch auf der Startrampe stehen oder erst Fuß fassen, müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn ihnen das Networking zunächst mehr bringt. »Ich frage meine Mentorin immer wieder, ob ich auch etwas für sie tun kann, doch sie sagt, es sei okay, wie es ist«, erzählt Portillo. Viele Mentorinnen wollen ihren Erfahrungsschatz weitergeben und hoffen, den Fortschritt der nächsten Generation dadurch zu beschleunigen. »Sie wünschen sich, sie hätten selbst eine Mentorin gehabt, als sie am Anfang ihrer Karriere standen«, erklärt Lisa Fassl. Der Vorteil der internationalen Vernetzung von Business & Professional Women Austria (BPW)  entfaltet sich nicht zuletzt beim Mentoring.

 »Wir versuchen Mentees und Mentorinnen optimal zu matchen, und sollte sich in Österreich niemand finden, dann suchen wir im größeren Netzwerk weiter«, betont Cornelia Pessenlehner, Vizepräsidentin des Dachverbands. BPW zählt mit 300 Mitgliedern und österreichweit elf Clubs zu den etablierten Frauennetzwerken und ist in mehr als 90 Ländern vernetzt. Es ist überparteilich, aber nicht unpolitisch. Ziel ist die Förderung von Frauen auf allen Hierarchie-Ebenen, um die Gleichstellung voranzutreiben. Für etablierte Frauennetzwerke  sind diese Programme nicht zuletzt eine Möglichkeit, neue Networkerinnen zu gewinnen. »Wir möchten junge Frauen an uns binden, doch es wird immer schwieriger, Mitglieder zu finden, die bereit sind mitzuarbeiten«, bedauert alpha-Generalsekretärin Eszter Dorner-Brader. Das Frauennetzwerk hat aktuell rund 100 Mitglieder, »von der Tagesmutter bis zur Primaria«, wie Generalsekretärin Eszter Dorner-Brader betont. Entsprechend bunt ist das Veranstaltungsprogramm, das von Vernissagen über Workshops zu Gehaltsverhandlungen bis zu Elternrunden reicht. Am ehesten gelingt es über das Mentoring-Programm, jüngere Mitglieder zu rekrutieren. Dabei wird die Aspirantin für ein paar Monate mit einer gestandenen Karrierefrau zusammengespannt. »Unter den Mentees sind einige in ihrem ersten Job, aber es sind auch Umsteigerinnen darunter«, sagt sie. Die alpha-Mentees werden zudem angehalten, sich von Anfang an untereinander zu vernetzen.

GEBEN UND NEHMEN

Netzwerke basieren auf Vertrauen, und das entsteht, wenn man mit anderen Zeit verbringt und Gutes tut. Wer nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, wird im Netzwerk scheitern. »Die Mehrheit muss bereit sein zu geben, sonst funktioniert es nicht. Mein Zugang beim Netzwerken ist: Es muss es nicht immer um mich gehen«, meint Sonja Kato-Mailath-Pokorny, Initiatorin der Pink-Ribbon-Charity-Veranstaltung »Wiener Damenwiesn«. Ruft die begabte Netzwerkerin alljährlich im Oktober in den Wiener Prater, werfen sich ein paar Hundert Frauen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien ins Dirndl, um dabei zu sein und für die Krebshilfe zu spenden. „»ch netzwerke überall«, sagt Kato-Mailath-Pokorny. Die frühere SPÖ-Gemeinderätin und Geschäftsführerin des ega-Frauenzentrums gründete 2011 ihr Unternehmen Unikato und ist seither als Business- Coach und Veranstaltungsmoderatorin selbstständig tätig. Gleich ob auf der Bühne der Damenwiesn oder bei einem Frau-in-der- Wirtschaft-Event in der Wirtschaftskammer ermuntert Kato ihr Publikum, ins Gespräch und ins Geschäft zu kommen.

»Die Macht der Empfehlung funktioniert auch im Frauennetzwerk – zumindest bis ins Mittelmanagement. Vor allem am Anfang meiner Karriere war das Netzwerk enorm wichtig für mich«, erzählt Susan Brunner. Von zwei Jobangeboten erfuhr sie über das Netzwerk und für eine weitere Position erhielt sie nützliche Informationen für ihre Bewerbung. »Wenn mich jemand nach einer Empfehlung fragt, führt die erste Suche ins Netzwerk«, betont Pessenlehner von BPW. Das Frauennetzwerk hat allerdings einen Schönheitsfehler: Es ist unterm Strich weniger wirkungsvoll als der gemischte Club, zumal am Ende des Tages die mächtigen Männer fehlen. Männernetzwerke funktionieren deshalb so gut, weil sie eine vertikale Struktur aufweisen: Also Einsteiger einerseits und mächtige »Old Boys« andererseits – ideale Rahmenbedingungen für das Prinzip der Seilschaften. In Frauennetzwerken ist hingegen die mittlere Hierarchie-Ebene konzentriert vertreten. Das führt dazu, dass es der Einsteigerin nützlich sein wird, die gestandene Karrierefrau aber kaum Vorteile daraus ziehen kann. Es sei denn, das Netzwerk positioniert sich exquisit.  Der Klub der Frauen, den PR-Expertin Gabriela Spiegelfeld 2003 gemeinsam mit der Ex-Grünenchefin und heutigen Novomatic-Managerin Eva Glawischnig ins Leben rief, ist mit nur 20 Mitgliedern so einer kleiner, feiner Club. »Wir sind kein feministisches Netzwerk«, betont Spiegelfeld. Der Klub der Frauen sieht sich als Gegenstück zu den Herrenclubs und will Frauen eine hochkarätige Plattform bieten. Aktuell arbeitet das Netzwerk an sich. Eine neue Website und Social-Media-Aktivitäten sollen Einblick in die Aktivitäten des Klubs geben und wichtige Themen in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Die Mitglieder werden gebeten, je einen Gast mitzubringen, denn es wird rekrutiert – wenn auch nicht in großen Stil. »Wir sind ein kleiner Kreis. Das ist das, was uns ausmacht«, sagt Spiegelfeld.

Es spricht einiges dafür, irgendwann den Schritt in ein gemischtes Netzwerk zu machen. Die Chance, dort auf mächtige Menschen zu treffen, ist einfach höher. Wenn es die Zeit erlaubt, sollten Frauen möglichst an mehr als einem Netzwerk teilhaben. »Ich halte das für total wichtig«, meint Spiegelfeld. Zudem könnten die neuen Kontakte aus gemischten Netzwerken auch ins Frauenbündnis eingebracht werden. Mondi-Managerin Brunner mischt auch in anderen Business-Netzwerken mit. »Nach so langer Zeit im Frauennetzwerk tut Abwechslung gut,« stellt sie fest. »Man will nicht immer in der gleichen Suppe schwimmen«. Zugleich liegen in der Heterogenität des Frauenclubs auch Vorteile. Als Einstieg ins Business-Networking ist er ideal. Wer beim Netzwerken noch ein wenig unsicher ist, tut sich leichter, wenn Frauen unter sich sind.

»Es ist ein offener Raum, wo man Dinge ausprobieren kann, wie etwa vor Publikum zu sprechen«

»Es ist ein offener Raum, wo man Dinge ausprobieren kann, wie etwa vor Publikum zu sprechen«, sagt Brunner. Hinzu kommt die Mission des Empowerment, das die Mitglieder gestärkt aus den Treffen entlässt. Als Pessenlehner vor drei Jahren zu BPW stieß, befand sie sich in einer beruflichen Umbruchphase zwischen Konzernkarriere und Selbstständigkeit. »Nirgendwo sonst habe ich so wertvollen Input für mein Business gefunden wie im Netzwerk. Ohne beurteilt zu werden. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis«, sagt sie. Viele Frauenclubs verbindet eine gesellschaftspolitische Mission, manche ein gemeinsames Interesse: Zum Beispiel Geld. »Geld ist ein Game-Changer«, dachte sich die Juristin und Unternehmerin Sophie Martinetz und gründete 2013 die Plattform Investorinnen.com. Inzwischen zählt das Frauennetzwerk rund 100 Mitglieder, davon treffen sich im Schnitt 20 alle acht Wochen in einem Wiener Hotel zum Lunch. Es sitzen Frauen mit Geld und Wirtschaftskompetenz am Tisch: Unternehmerinnen, Top-Managerinnen, Bankerinnen, auch ein paar Erbinnen sind dabei. Sie bringen Risikoappetit mit, zumal sie sich beim Mittagessen vornehmlich über ihre Start-up-Investitionen austauschen. Da holt man sich Input von Erfahrenen, Rat von Expertinnen, und manchmal bündelt man Geld und Kompetenzen und zieht einen Deal gemeinsam durch. »Social Impact machen wir nicht«, betont Martinetz. Die Investorinnen interessiert Rendite und sie bevorzugen nicht zuletzt deshalb gemischte Gründerteams. »Einige investieren ausschließlich in Teams aus Männern und Frauen«, betont Martinetz. Dass Unternehmen mit Frauen in Spitzenpositionen bessere Finanzergebnisse erzielen, ist hinlänglich bewiesen. In der männerdominierten Welt des Venture Capital hat sich das allerdings bisher noch nicht so richtig herumgesprochen. Bei den Investorinnen dockt man über Empfehlung an. Das Netzwerk hat keine formale Struktur. Das Mittagessen zahlen sich die Damen selbst. Einmal im Jahr veranstalten sie eine Award-Verleihung für die besten Investorinnen.