Seit 1. Jänner ist vorgeschrieben, dass Aufsichtsräte von börsennotierten Unternehmen und Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mindestens zu 30 Prozent aus Frauen bestehen. Die Quote ist also Konsens. Das war lange nicht so. Wie haben Sie diesen gesellschaftlichen Wandel erlebt?

In der Sozialdemokratie gibt es schon lange Quoten, ich war da immer eher skeptisch. Ich muss aber ehrlich sagen, dass es bei mir einen Gesinnungswandel gibt, weil ich merke, dass Quoten etwas bewegen. Bis dato hat man gesagt, man findet keine Frauen, die für Aufsichtsräte infrage kommen – und plötzlich findet man sie. Daher muss ich eingestehen, dass die Quote etwas gebracht hat.

Wann haben Sie begonnen umzudenken?

Als ich in Deutschland war, hat die damalige Frauenministerin Ursula von der Leyen die Diskussion über Frauen in Führungsgremien vorangetrieben und Druck auf Unternehmen wie Siemens gemacht, die Repräsentanz von Frauen zu erhöhen. Für ein Technologieunternehmen ist das schwierig, weil es zu wenige Technikerinnen gibt. Aber da habe ich gemerkt, dass es auf das Denken im Unternehmen eine Auswirkung hatte, dass die Politik das eingefordert hat.

Lange wurde argumentiert, es gebe nicht genug qualifizierte Frauen oder sie würden keine Top-Positionen anstreben. Bezogen auf Aufsichtsräte: Was qualifiziert jemanden für einen Aufsichtsratsposten?

In einem Aufsichtsrat braucht es eine gute Mischung von Qualifikationen. Betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, juristische und ökonomische Qualifikationen sind wichtig. Und es wäre gut, die technische Weiterentwicklung beurteilen zu können. Außer im technischen Bereich gibt es überall enorm viele gut qualifizierte Frauen.

Wird jemand wie Sie mit viel Aufsichtsratserfahrung oft angefragt für Aufsichtsratsposten?

Nicht oft, aber immer wieder. Mittlerweile empfehle ich auch manchmal andere Frauen, von denen ich meine, dass sie sogar besser passen. Manche Firmen nehmen das Thema sehr ernst und beauftragen Personalberater mit der Suche nach weiblichen Aufsichtsräten.

Niemand will sich vorwerfen lassen, wegen des Geschlechts eine Position zu bekommen. Haben Sie das Gefühl, dass Frauen in Aufsichtsräten einen Qualifikationsdruck haben und sich extra beweisen müssen, weil sie sonst als Quotenfrauen abgestempelt werden?

Da sollten sich Frauen keine Sorgen machen, selbst wenn sie mit der Quote in einen Aufsichtsrat kommen. Wenn man sich gut vorbereitet und die Tätigkeit ernst nimmt, hat man sich in einem Jahr so positioniert, dass niemand mehr sagen wird: Die ist nur wegen der Quote da. Ich kenne viele Unternehmen, die das sehr positiv und als Gewinn sehen.

Was können Frauen in Aufsichtsräten verändern?

In der Regel wirkt sich die Repräsentanz von Frauen in Aufsichtsräten auch in einem stärkeren Fokus auf die Beschäftigung von Frauen im Unternehmen aus. Ein gutes Beispiel sind die Aufsichtsratsvorsitzende der Post, Edith Hlawati, und ihre Stellvertreterin Edeltraud Stiftinger: Sie legen großen Wert auf die Karrierepfade von Frauen und haben sogar ein Programm zur Frauenförderung bei der Post initiiert.

Würden Sie eine Quote auch auf Vorstandsebene befürworten?

Das Problem ist, dass die Position des Vorstandes sehr auf das Unternehmen zugeschnitten ist. Aber ich kann nur an alle Verantwortlichen einen Appell richten: Aus rein ökonomischen Gründen wären alle gut beraten, gemischte Teams zu installieren, denn die haben eine bessere Performance.

Glauben Sie, dass sich der Frauenanteil in Führungspositionen zu einem ähnlichen Imagethema für Unternehmen entwickeln könnte wie Nachhaltigkeit?

Ich glaube nicht, dass das für das Image eines Unternehmens entscheidend ist, aber es ist wichtig für die ökonomische Performance. Ich bin überzeugt, dass Frauen andere Schwerpunkte und andere Einschätzungen in Aufsichtsräte einbringen.

Ich glaube, wenn Lehman Brothers Lehman Sisters gewesen wäre, wäre es wahrscheinlich nicht zum Konkurs gekommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich glaube, wenn Lehman Brothers Lehman Sisters gewesen wäre, wäre es wahrscheinlich nicht zum Konkurs gekommen. Ich habe erlebt, dass Frauen risikoaverser sind als Männer, oft einfachere Lösungen finden und die Scheinwerfer eher darauf richten, wie sich eine Entscheidung auch auf andere Bereiche auswirkt. Männer ziehen ihren Weg eher durch, wenn sie sich für eine Strategie entschieden haben und werden manchmal von den Auswirkungen überrascht. 

Was wäre für Frauen in der Wirtschaft noch wichtig?

Eine Voraussetzung für eine Gleichberechtigung im Arbeitsleben – vor allem in der Industrie – ist, dass Frauen sich der Zukunftsthemen Digitalisierung und IT stärker annehmen und Ausbildungen in diesen Bereichen machen. Wenn das gelingt, bin ich zuversichtlich, dass es zu einer stärkeren Vermengung beider Geschlechter in der Berufswelt kommen wird.

Braucht es mehr Vorbilder und Role Models in Politik und Wirtschaft?

Ja – auch das habe ich früher unterschätzt. Mich beeindruckt zum Beispiel sehr, welche wichtige Rolle Angela Merkel in der Weltpolitik spielt.

Welche Frauen waren Ihre Vorbilder?

Die Stärke, mich durchzusetzen, habe ich von meiner Mutter gelernt. Und sicherlich war die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal ein Vorbild. Aber meine größten Vorbilder waren Männer: Ferdinand Lacina und Franz Vranitzky.

Was würden Sie Frauen raten, die an die Spitze wollen?

Am wichtigsten ist, dass sie etwas gestalten wollen und auch wissen, mit welchem Ziel. Sie müssen bereit sein, in einem großen Ausmaß Zeit und Energie zu investieren. Und ich halte eine gewisse Gelassenheit für wichtig.

Mit Gelassenheit meinen Sie vermutlich nicht, sich alles gefallen zu lassen?

Nein, im Gegenteil. Aber ich habe mich oft in Dinge verbissen, die nicht wirklich wichtig waren. Ich hätte mit weniger Druck vermutlich einiges leichter durchgesetzt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Picturedesk