Wenn man als Kind aus einem alten Paar Schuhe herausgewachsen ist, bedeutet das meistens etwas Gutes: Man lebt zwar in der Regel und im rein sprichwörtlichen Sinn noch nicht auf großem Fuß und wird das vielleicht niemals tun, steht aber wieder um eine Schuhgröße fester im Leben. Stimmt schon, ganz so eindimensional ist es natürlich nicht: Wachstumsschmerzen im Knie und Hänseleien wegen scheinbarer Unproportioniertheit gehören schließlich auch dazu. Wachstum bedeutet in unserer Gesellschaft trotzdem meistens, dass alles gut läuft – dass endlich etwas weitergegangen ist. Dabei geht es nicht nur um äußerlich sichtbaren und gut messbaren Wachstum, sondern auch um die innere Größe. Denn auch hier geht im Idealfall etwas weiter. Stillstand ist etwas für die, die mit ihren ausgewachsenen Füßen auf der Stelle treten.

Meistens sind es Fehler, Unglücksfälle und kleinere oder größere Schicksalsschläge, die zur Steigerung der inneren Größe beitragen sollen. Üblicherweise werden sie in die Kategorie »Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter“ eingeordnet. Diesen Satz kennen die meisten Menschen nämlich sehr gut. Meistens hat man ihn nicht nur schon zur Genüge gehört, sondern ihn auch selbst schon oft verwendet. In einer vielversprechend lustigen Gesprächsrunde zum Beispiel, die ins Negative zu kippen drohte. Ein Satz, der sich wie eine angenehme Abkürzung anfühlt, wenn es eigentlich sehr viel zu besprechen gäbe. »Einfach weitergehen. Geht schon, kein Problem«. Sogar Kissen aus flauschigem rosa Stoff werden damit bestickt: »Hinfallen, Krone richten, weitergehen.« So einfach geht es.

So einfach geht es aber häufig nicht. Denn auch wenn eine Situation vielleicht nicht lebensbedrohlich war, so kann die Erholungsphase trotzdem länger als die obligatorischen zwei Minuten dauern. Und außerdem: Wer entscheidet, welcher Härtegrad des eigenen Schutzpanzers notwendig ist, um da draußen zu bestehen? Es sind die Regeln der Abhärtungsgesellschaft, die diese Kennzahlen festlegen. Diese sind aber alles andere als in Stein gemeißelt, denn sie werden kontinuierlich nach oben gedrückt. Und zwar meistens genau in dem Moment, in dem man selbst ganz unten ist. Dass es sich dabei um den einzig richtigen Weg handelt mit Problemen, schwierigen Phasen oder herausfordernden Lebensabschnitten umzugehen, steht jedoch ganz eindeutig zur Disposition. Wer während der Kindergarten- und Volksschulzeit viel mit dem Fahrrad unterwegs war, weiß nämlich eines ganz bestimmt: Wunden heilen dann am besten, wenn sie an der Luft austrocknen dürfen. Wenn man ihnen Luft gibt. Auch wenn das bedeutet, dass man mal zwei oder drei Tage lang nicht in den See springen darf. Und auch die Narben danach dürfen ruhig sichtbar sein.