SHEconomy: Ihre Eröffnung fand kurz vor den allgemeinen Umwälzungen, bedingt durch die Corona-Katastrophe, statt. Wie lauten Ihre nächsten Pläne?

Tanja Prušnik: Derzeit ist unser Haus, wie alle anderen Kulturinstitutionen, geschlossen. Wir arbeiten überwiegend in Heimarbeit an der Planung für die kommende Wiedereröffnung. Ein Re-Reopening sozusagen, in der Hoffnung, dass die Zeit bis dahin relativ glimpflich überstanden wird. Dass es für die Kulturinstitutionen, vor allem im Bereich der freien Szene, also auch für uns, hart wird, ist klar! Wir haben bisher lange in der Überbrückungszeit des Umbaus ausgeharrt, nun trifft es uns in der Form nochmal.

Worauf kann, worauf muss man bauen, wenn man so ein legendäres Haus führt?

Ich hoffe sehr auf die unterstützende Hand der für uns zuständigen öffentlichen Stellen. Auch für unsere Mitglieder, die zum Großteil von der bildenden Kunst und von Veranstaltungen in diesem Bereich leben, vom Verkauf ihrer Werke und von der öffentlichen Wahrnehmung, wird es hart werden, diese »kunstfreie« Zeit zu überbrücken. Das ganze Ausmaß dieser Krisensituation werden wir aber erst erfahren, wenn sie vorüber ist.

Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie?

Ich rechne damit, dass der Kunstmarkt im mittleren Bereich weiter einbrechen wird. Hier müssen die verantwortlichen öffentlichen Stellen Reaktionen im Bereich eines finanziellen »Auffangens« zeigen. Abgesehen davon, war soziale Verantwortung dem Künstlerhaus immer schon ein Anliegen. Aus dem heutigen Sozialfonds und den Solidarbeiträgen der Mitglieder, können wir Kolleginnen in Notsituationen unterstützen, aber dies ist nicht primärer Zweck unseres Vereins.

Wird es künftig virtuelle Führungen durch Ihr Haus geben?

Daran arbeiten unsere MitarbeiterInnen gerade. Es ist von unserer Seite her gewünscht, Einblick in unsere Ausstellung und in ein virtuelles Vermittlungsprogramm zu geben.

Schon seit einiger Zeit ist das Sammeln von Kunst in den Fokus der Investoren gerückt. Diese Szene ist sehr international und viel unterwegs – wie wird sich das in der derzeitigen Situation voraussichtlich weiter gestalten?

Wie bereits erwähnt, rechne ich mit einem starken Ankaufs- und Investitionsrückgang im unteren und vor allem im mittleren Kunstpreissegment. Schon aufgrund der erst kürzlich eingebrochenen Wirtschaftslage haben bildende KünstlerInnen hier starke Rückgänge hinnehmen müssen – dabei leben wir davon, dass Kunst gesammelt und angekauft wird.

Wie sind Ihre persönlichen Beobachtungen, wenn es um das Thema Sammlerinnen geht? Ist das eine wachsende Zahl – oder bleibt der Cercle konstant?

Hier gilt es sicher, vermittelnde Maßnahmen zu setzen. Wir arbeiten an einem Programm, das sich nicht nur an bekannte, sondern auch an potenzielle, zukünftige SammlerInnen richtet. Wir wollen hier junge, interessierte Menschen ansprechen, die sich eine Zukunft ohne Sammeln von Kunst nicht vorstellen möchten. Wenn die Politik in vermittelnde Maßnahmen bereits ab dem Kindergarten- und Volksschulalter setzt, wird eine neue Generation heranwachsen, die den Umgang mit Kunst nicht als etwas Herausragendes, sondern als etwas, das uns alltäglich umgeben sollte, behandelt. So wird Distanz zu Kunst ab- und eine größere Selbstverständlichkeit aufgebaut.

© Joe Malina, bildart.at

Wie sehr sind die Künstlerinnen und Künstler, mit denen Sie arbeiten, von der Krise betroffen, die das Virus ausgelöst hat?

Wir haben es gerade stark auf der WIKAM mit »den blick öffnen« selbst erfahren: Einerseits wollen wir mit den Mitteln der Kunst den Schwächsten helfen – den Kindern in der Gesellschaft, konkret der Einrichtung »die möwe«, die wir mit unseren Verkaufserlösen unterstützen. Andererseits wurden wir dafür fast beschimpft, dass wir bis letzten Freitag weitergemacht haben, bevor wir frühzeitig abgebaut haben. Dabei stand es jedem frei, zur WIKAM zu kommen. Wir haben natürlich reagiert und einen Online-Kunstshop eingerichtet und warten nun gespannt auf Reaktionen.

Kann man schon sagen, wie sehr dieses Engagement aufgeht?

Für uns Künstler*innen war es natürlich hart, einen enormen Arbeits- und Finanzeinsatz zu leisten, um dann abbrechen zu müssen und keine Ankäufe zu haben. Es wurde vorfinanziert und viel Arbeitseinsatz im Vorfeld geleistet. Wie diese Verluste abgefedert werden sollen, ist noch nicht klar. Ich schätze die Lage aber so prekär ein, dass sie sich über einen  längeren Zeitraum ziehen wird. An Investitionen in Kunst wird wohl länger nicht zu denken sein. Diejenigen, die ausschließlich von der bildenden Kunst leben und keine Paralleleinkünfte haben, kommen hier besonders hart dran.

Wie plant man in so einer Situation das Programm eines Hauses?

Im Moment wird ein Plan B erarbeitet, das Vermittlungsprogramm digital zu leisten, um, wie gesagt, einen virtuellen Ausstellungsbesuch zu ermöglichen. Große Ausstellungsformate wie „Alles war klar“ sind ja bis September anberaumt und haben derzeit alle Chancen, in ein paar Wochen wieder zugänglich zu sein. Die Herbstausstellung ist bereits in Arbeit. Die kurzfristigen Programme in der Factory sind nun unsere Sorgenkinder. Hier mussten wir einiges absagen, ein neuer »Krisenkalender« wird gerade ausgearbeitet. Formate müssen verschoben werden, heute relevante Themen sind aber vielleicht morgen schon anders ausgerichtet.

Wie rasch kann man in einem Haus wie dem Ihrigen auf aktuelle Themen eingehen? Muss das Kunst?

Unser Herzstück, die Factory, im Besonderen, ist darauf eingerichtet, auf zeitaktuelle Themen rasch eingehen zu können. Nur: Wie sollen wir das diesmal tun, wenn alles abgesagt werden muss? Wie, wenn sich niemand treffen darf und will? Das ist derzeit eine gewaltige Herausforderung, die nach baldigen Lösungen ruft. 

Zum Schluss ein etwas allgemeineres Feld: Wie werden Sie sich gegenüber der Albertina-Modern positionieren?

Kunst und die damit verbundene Vielfalt an Sprechweisen legen die Finger auf die Wunden der Gesellschaft. Das fühlt sich nicht immer angenehm an, aber gerade in diesem Moment braucht es das Potenzial, Wahrnehmung zu schärfen und Veränderungen herbeizuführen. In Zukunft werden zwei Kunstinstitutionen unter einem Dach, deren gemeinsamer Nenner die Vermittlung und Förderung von Kunst ist, mit ihren spezifischen Ausrichtungen und Schwerpunkten das Haus in seiner Vielfalt einem großen Publikum öffnen. Für das Neue, für die heutige individuell-künstlerische Sicht auf unsere Welt – dafür sind wir zuständig. Das ist unser Metier, unsere Verantwortung als Künstler*innen. Die Geisteshaltung unserer Zeit kommt in unserer Kunst zum Ausdruck. Genau dafür kommen die Besucher*innen in den ersten Stock.

Wie ist Ihre wirtschaftliche Grundlage geregelt – und haben Sie neue, innovative Konzepte wenn es etwa darum geht, Geld ins Haus zu bringen?

Wir sind öffentlich subventioniert und haben 450 Mitglieder, die ihren Beitrag leisten. Und wir stellen gerade die Tradition der Mäzene und Sponsoren wieder in den Vordergrund und suchen hier weiter nach entsprechenden Partnern. Einige haben wir bereits gefunden, bei denen wir uns auch herzlich bedanken. Aber ein Teil der Einnahmen, mit denen wir gerechnet haben, fällt vorerst aus. So etwas schmerzt natürlich. Neue Ideen sind im Bereich der Vermittlung und mit einem neu aufgestellten, aktiven Freundesverein im Anlaufen.

Womit hängt es Ihrer Ansicht nach zusammen, dass es derzeit so viel neue Frauen in Museums-Top-Positionen gibt? Wird das auch etwas am Markt – an der Sammlerklientel wie bei den Besuchern – ändern?

Sammlerinnen gibt es einige, Mäzeninnen wollen noch gefunden werden, aber das Potenzial ist vorhanden. Ich denke, dass ein allgemeines Umdenken in der Gesellschaft dafür verantwortlich ist, auch im Kultur- und Kunstmanagement Frauen endlich ihren Stellenwert zu geben. Prinzipiell sollte es nicht um die Frage einer Geschlechterzugehörigkeit gehen, sondern darum, WIE eine Position angelegt wird. Dass nun Frauen endlich sichtbar werden, ist eine sehr erfreuliche und begrüßenswerte Richtung, sollte aber eine Selbstverständlichkeit sein, ohne Wenn und Aber!