Der Schock sitzt Anleger:innen noch tief in den Knochen. Immerhin war der Börsencrash vom vergangenen März besonders rasch und heftig. Dabei sollte man vor allem in solch einem Umfeld klassische Anlegerfehler vermeiden. Nur so nutzt man Chancen für einen langfristigen Vermögensaufbau. Barbara Katzdobler, Fondsmanagerin bei Matejka & Partner Asset Management, meint in diesem Zusammenhang, die starken Kursschwankungen bereiteten vielen Anleger:innen kurzfristig harte Zeiten. „Dennoch sollte man selbst in solchen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren“. Der jüngste Aufwind gibt der erfahrenen Fondsmanagerin jedenfalls recht. Sie meint sogar: „Die Markterholung fand überraschenderweise fast genauso schnell wie die Korrektur statt“.

 

 

Doch worauf sollten Anleger:innen achten, um möglichst ruhig auch durch raue Börsenzeiten zu navigieren? Dafür haben heimische Marktexpertinnen handfeste Tipps parat. Petra Witzmann, Vorstandsmitglied des österreichischen Verbands Financial Planners und Leiterin Private Banking bei der Sparkasse Waidhofen an der Thaya, meint, das Wichtigste sei, dass Anleger:innen die Entscheidung über den Kauf, vor allem aber den Verkauf, nicht in Stresssituationen und ohne qualifizierte Beratung träfen. Sie betont, „die Parameter der Veranlagung, das sogenannte Risikoprofil, müssen schon bei Abschluss des Produktes besprochen und definiert werden“. 

Da sollten Anleger:innen vor allem zu sich selbst ehrlich sein. Denn wer beim Aufbau eines Wertpapierportfolios meint, viel Risiko auszuhalten, der muss in schlechten Zeiten hohe Verluste bei Aktien ebenso durchstehen können. In diesem Zusammenhang spielt auch die Gewichtung einzelner Anlageklassen in einem Gesamtportfolio eine wichtige Rolle: Wenn etwa in guten Börsenzeiten die Aktienkurse kräftig steigen, nimmt auch deren Gesamtgewichtung im Portfolio zu. Schließlich wird die Aktienposition dann immer wertvoller. Das kann aber auch zu einer bösen Überraschung führen, nämlich dann, wenn die Märkte wieder korrigieren. Denn dann lasten auch die Verluste aus der großen Aktienposition umso stärker auf der Gesamtentwicklung. 

 

 

Genau deshalb ist ein gutes Stück Disziplin bei der Geldanlage gefragt. Anleger:innen sollten einen Teil der erzielten Gewinne regelmäßig realisieren, also mitnehmen, um stets wieder zur ursprünglichen Aufteilung auf Aktien, Anleihen und weiteren Anlegeklassen zurückzukehren. Dabei sollte man einen solchen Schritt zumindest halbjährlich setzen. „Dies ist aber auch von der Intensität der Marktbewegung abhängig“, betont Katzdobler. Und wer sich für den schrittweisen Vermögensaufbau, etwa mit monatlichen Einzahlungen auf einen Wertpapier-Sparplan, entschieden hat, sollte sich von den Turbulenzen schon gar nicht abschrecken lassen. Witzmann meint, es sei ein Kardinalfehler, die laufende Ansparung ausgerechnet bei fallenden Kursen zu stoppen. „Genau solch eine Phase bietet einen optimalen und günstigen Kaufzeitpunkt“. 

 

 

Den sollte man ohnedies auf eigene Faust nie zu erraten versuchen. Den wenigsten Privatanleger:innen gelingt es, den Tiefpunkt zu „erraten“. Sie greifen oftmals zum falschen Zeitpunkt zu, wollen dann wieder umschichten, um womöglich neuen vermeintlichen Markttrends nachzugehen. Doch wer ständig umschichtet, riskiert nicht nur größere Verluste, anstatt einen langfristigen Trend mitzumachen – es kostet auch Geld. „Viele Wertpapiertransaktionen aus dem Affekt heraus verursachen eine hohe Spesenbelastung. Diese Transaktionskosten zehren an der Gesamtrendite des Portfolios“, betont die Matejka&Partner-Expertin. 

Doch damit ist längst nicht Schluss. Beim Kauf von Aktien haben die Expertinnen weitere Ratschläge parat, etwa wenn es um den Herdentrieb geht. Den konnte man zuletzt bei Technologie- und Gesundheitsaktien beobachten. Es waren Branchen, die selbst Mitten in der Krise gefragt waren. Das Grundprinzip einer Streuung sollte man aber trotz verlockender Aussichten bestimmter Branchen nie missachten, mahnt Silvia Richter, Direktorin Private Banking Wien bei der Zürcher Kantonalbank Österreich (ZKB Oe). Sie sagt, „langfristig orientierte Anleger:innen sind mit einer breiten Aktienmischung gut beraten. Man sollte nicht alles auf eine Karte setzen.“ 

 

 

Das sollte man auch bei der regionalen Aktienwahl nicht tun. Witzmann vom Financial-Planners-Verband verweist in diesem Zusammenhang auf den sogenannten Home-Bias, ein zu starker Fokus auf den Heimmarkt. Damit könnten Chancen anderswo rund um den Globus verpasst werden, beziehungsweise kann ein Markt von regionalen Ereignissen besonders stark betroffen sein. Mit einer breiten regionalen Streuung lassen sich solche Turbulenzen besser abfedern. 

Doch gibt es eigentlich auch die typisch weiblichen oder männlichen Fehler? Durchaus, meint Richter von der ZKB Oe. Sie sagt, „erstaunlicherweise neigen Männer bei Investitionen zu einer hohen Emotionalität, eine Eigenschaft, die man meist Frauen unterstellt. Frauen treffen Investitionsentscheidungen oftmals rational und bestimmt.“ Auch setzten eher Männer als Frauen alles auf eine Karte. „Männer sind hier erfahrungsgemäß sorgloser.“ Richter sieht noch einen Unterschied: Während Männer oftmals hofften, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, sei für Frauen ein langfristiger Zeithorizont wichtig, was meist erfolgsversprechender sei. 

Dennoch ortet Katzdobler auch eine große Schwäche bei der weiblichen Geldanlage. „Frauen sind in ihrem Risiko häufig zu verhalten“. Das kann ausgerechnet in Zeiten, in denen sichere Anleihen keine Zinsen abwerfen, ein großer Nachteil sein. Wer sich aber diesen irrationalen Verhaltensweisen bewusst ist, habe die Chance, die richtigen Lehren aus den menschlichen Schwächen zu ziehen, fügt Katzdobler hinzu. Und das gilt freilich für alle Anleger:innen. 

 

Credits: Barbara Katzdobler(c)Barbara Katzdobler, Elisabeth_Müller_ESG Plus(c)Andreas Müller, Petra_Witzmann(c)Österreichischer Verband_Financial Planners, Silvia Richter_(c)ZKB oe