SHEconomy: Sie haben bereits 30 Jahre in einerBranche hinter sich, die auch heute noch stark männlich dominiert ist. Inwieweit hat sich die Branche während dieser Zeit verändert?

Stefanie Kemp: Ich würde sagen, dass sich inhaltlich nicht viel verändert hat. Technologie ist und bleibt Technologie. Was das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern angeht, hat sich aber enorm viel verändert. Dazu eine kleine Anekdote: Vor 30 Jahren war ich auf einem Event der IBM die einzige Frau. Heute sind durchschnittlich 30 bis 40 Prozent der TeilnehmerInnen Frauen, über alle Funktionen hinweg. Diese Prozentzahl können wir auf der Top-Führungsebene allerdings nicht halten. Hier sehe ich deutliches Verbesserungspotential.

Obwohl sich immer mehr Frauen für ein technisches Studium entscheiden, sitzen in den Geschäftsführungen der meisten großen IT-Firmen Männer. Ist der Knackpunkt nach wie vor die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Ich glaube, dass dies gar nicht so viel mit dem Geschlecht zu tun hat. Ausschlaggebend ist eher die Frage, was eine Karriere im IT-Management heute bedeutet. Mein Tag endet nicht nach acht Stunden, sondern im Durchschnitt nach 13 Stunden. Darüber sollte man sich im Klaren sein. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Frauen etwas emotionaler sind, etwas anders ticken und manchmal eine andere Tonalität an den Tag legen. Das Potenzial ist aber definitiv da. Ich bin deshalb auch sehr stolz darauf, dass wir bei Oracle eine Frau als CEO haben, unser COO eine Frau ist und die Länderverantwortlichen für Frankreich und Deutschland ebenfalls Frauen sind.

»Ich hätte mir damals eine Mentorin oder einen Mentor sehr gewünscht.«

Begonnen hat Ihre Karriere ja in der Healthcare-Industrie. Was hat Sie damals in die IT gezogen?

Es gab keinen wirklichen Karriereplan, und ich hätte mir damals eine Mentorin oder einen Mentor sehr gewünscht. Was mich tatsächlich dazu bewogen hat, die Industrie zu wechseln, war, zu erkennen, was mir wirklich Spaß macht und woran ich Freude habe. Selbst heute, nach 30 Jahren, entwickle ich noch jeden Tag dieses Herzblut, also Leidenschaft, Motivation und Interesse für die Dinge, die ich tue.

Wenn Sie Ihrem Ich am Anfang Ihrer Karriere einen Tipp geben könnten, welcher wäre das?

Ich bin ein Glückskind. In meinem Leben war nichts schwer. Alles bei mir war freiwillig gewählt. Ich wurde danach erzogen, Dinge auszuprobieren und dabei Spaß zu haben. Vieles ist möglich im Leben, aber man muss sich bemühen, sich zeigen, mutig sein und sich ab und zu etwas aus dem Fenster lehnen. Ein wichtiges Lebensmotto für mich ist, dass man nur mit den Aufgaben wachsen kann, die man noch nicht beherrscht. Ich vertraue darauf, dass die Dinge gut werden!

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