Zahlen, Berechnungen, Modelle – schon als Kind war das, was für viele Schüler ein Angstfach ist, für Eva Eggeling schön, leicht und logisch: Mathematik. Dass die Tochter mit Begeisterung gerätselt und getüftelt hat, wurde von den Eltern wohlwollend unterstützt. Kein Wunder, ist der Vater doch Physiker, die Mutter war als Steuerberaterin tätig. »Bei uns war es cool«, erinnert sich Eva Eggeling, »wenn man sich mit Zahlen beschäftigt. In der Schule hatte ich fantastische Lehrer, die mich ermutigt und nicht davon abgehalten haben, Mathematik weiter zu lieben. Ich glaube aber, dass man durch schlechten Unterricht sehr viel kaputt machen kann.« Im Fall der Bonnerin war genau das Gegenteil der Fall: Sie studierte Mathematik, promovierte in Köln. Schon während des Studiums hatte sie einen Studentenjob beim Fraunhofer Institut für wissenschaftliches Rechnen und Algorithmen. Nach dem Studium blieb sie dann dort und machte ihr erstes Industrieprojekt: Tiefpressen-Optimierung bei Daimler Chrysler in Stuttgart.

Von den USA in die Steiermark. »Das war für mich sehr spannend, weil ich dort erlebt habe, wie Mathematik und angewandte Forschung in die Industrie eingeflossen sind. Danach habe ich ein Angebot bekommen, an die Carnegie Mellon University in Pittsburgh zu gehen.« Eva Eggeling war zu diesem Zeitpunkt schon verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Ihr Mann, »ein sehr bodenständiger Bonner«, war der Ansicht, »wenn wir das jetzt nicht machen, machen wir das nie. Wir sind dann kurzerhand mit Sack und Pack in die USA gegangen – und aus einem Jahr wurden fast drei Jahre.« In einem interdisziplinären Zentrum (MRSEC) arbeitete die Mathematikerin an einem Materialforschungsprojekt mit und befasste sich mit den Veränderungen polykristalliner Stoffe. Eines Tages, mittlerweile war Eva Eggeling zweifache Mutter, kam der überraschende Anruf von Fraunhofer, da man eine Standortleiterin für die neu gegründete Fraunhofer-Auslandstochter mit Standort in Graz für den Bereich Visual Computing suchte. Und sie kehrte nach Europa zurück.

Seit 2009 leitet Eva Eggeling nun den Geschäftsbereich Visual Computing der Fraunhofer Austria Research GmbH in Graz. Fraunhofer sieht sich als Vermittler von wissenschaftlichem Know-how in die Praxis. Was möchte die Forscherin mit ihrer Arbeit bewirken? »Das Spannende an meiner Aufgabe ist, dass man Unternehmen Zugang zu Innovationen erleichtert und Forschungsergebnisse, die aus Grundlagenforschung an den Universitäten entstehen, nutzbar macht – für große Unternehmen, aber gerade auch für die KMUs, die sich vielleicht keine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung leisten könnten.« Eva Eggeling sagt, dass ihr Team mit einem Ohr  den Unternehmen zuhört und mit dem anderen Ohr an den Universitäten ist, ist doch jedes Fraunhofer-Institut immer mit einer universitären Einrichtung verknüpft. Gemeinsam arbeitet man daran, Problemstellungen der Unternehmen an die Universitäten zu bringen, die dann in Kooperation mit Fraunhofer praxistaugliche Lösungen erarbeiten. »Es geht um das Brückenbilden zwischen Forschung und Wirtschaft – das ist das, was mich an Fraunhofer so begeistert.«

Eine dieser Brücken ist DAVE, das reale Tor der TU Graz und des Fraunhofer Instituts in simulierte 3D-Welten. DAVE (Definitely Affordable Virtual Environment) ist unter anderem im Zuge der Konzeption des Wiener Hauptbahnhofs zum Einsatz gekommen, wo es darum ging, herauszufinden, ob eine kontrollierte virtuelle Testumgebung nützlich sein könne, eine Verkehrsinfrastruktur bereits in der Planungsphase zu testen. So konnte man mithilfe eines digitalen Modells virtuell in den Hauptbahnhof eintauchen und mittels Probanden das Leitsystem virtuell prüfen. Eva Eggeling betont, dass das einer der Punkte sei, der sie an Mathematik so fasziniere: Dass sie »universell einsetzbar ist. Mathematik ist für mich die Grundlage für vieles, wenn nicht alles. In der Mathematik ist etwas entweder richtig oder falsch. Das ist auch eine sehr befriedigende Sache, weil die Dinge entweder schwarz oder weiß sind.« Mathematik jedenfalls ist bei Familie Eggeling – Evas Mann ist Mechatroniker – nie uncool. Auch ihre beiden Töchter haben einen guten Draht zur Zahlenwelt. »Ich erzähle meiner Familie immer, dass Mathematik in allen Bereichen des Lebens ständig auftaucht – gleich, ob durch Bionik, wo man sich von Tieren und Pflanzen Eigenschaften abschaut und sie in der Technik umsetzt, oder was man alles so berechnen kann.« Die Reaktion der Töchter? Sie nehmen es mit Humor, lachen und sagen dann »Ja, ja, Mathematik ist überall.«

Entspannen kann Eva Eggeling in ihrer Freizeit am besten, wenn sie Klavier spielt, neue Länder und Städte entdeckt oder Kleidung für sich näht. Ihr Lieblingsbuch: »Deep Learning« von Ian Goodfellow. Seit elf Jahren ist sie mittlerweile in einer Leitungsfunktion tätig. Und was macht eine gute Führungskraft aus? »Man muss ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter haben und eine gewisse Gelassenheit an den Tag legen. Was mir auch in meinem eigenen beruflichen Umfeld wichtig ist: Dass man Probleme ansprechen kann und es einen fairen Umgangston gibt. Auch, wenn man in der Hierarchie höher steigt, muss man dennoch immer an sich arbeiten und seine soziale Kompetenz weiterentwickeln.« Deshalb wird in Eva Eggelings Team auch die Kultur der offenen Türe praktiziert – »dadurch wird man eingeladen, reinzukommen und ein Gespräch zu führen«. 

INFOS:

# Ende 2008 wurde Fraunhofer Austria als selbstständige Auslandsgesellschaft der Fraunhofer-Gesellschaft gegründet. In Wien, Graz und Wattens arbeiten mehr als 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an anwendungsorientierten Lösungen zum Nutzen der Wirtschaft und zum Vorteil der Gesellschaft.

# Das Ziel der Fraunhofer-Projekte: die Entwicklung und Umsetzung innovativer, individueller und wirtschaftlicher Lösungen.

# Der Geschäftsbereich Visual Computing mit Sitz in Graz konzentriert sich auf anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung mit dem Schwerpunkt »Data-Driven Design«.