Sheconomy: Inwiefern hat sich Leadership in Zeiten von Covid-19 und der Home-Office-Situation verändert?

Wagner: Mein Team ist seit mehreren Wochen praktisch komplett im Home Office – sämtliche Veranstaltungen und Besprechungen finden bei uns virtuell statt. Persönliche Kontakte fallen weg, gleichzeitig ist gerade jetzt die Nähe zu den Mitarbeitenden und eine schnelle Erreichbarkeit umso wichtiger. Eine sehr große Umstellung war es für mich als Führungskraft aber nicht. Mein Team ist auf ganz Deutschland verteilt, sodass wir auch vorher schon viel virtuell kommuniziert haben.

Welchen Herausforderungen mussten und müssen Sie sich stellen und welche Lösungsansätze haben für Sie funktioniert?

Bei uns in der Personalgewinnung hat sich von einem Tag auf den anderen unsere »Geschäftsgrundlage« komplett verändert: Der Kontakt mit Menschen – sei es bei Bewerbungsgesprächen oder bei Messen, Informations- und Praxistagen – ist entscheidend für unseren Erfolg. Und plötzlich waren persönliche Begegnungen nicht mehr möglich. Gleichzeitig haben wir bei der Bahn einen hohen Personalbedarf. 25.000 neue Mitarbeitende erwarten wir in diesem Jahr. Ein Einstellungsstopp kam deshalb nicht in Frage. Wir wollen und brauchen die vielen neuen Kolleginnen und Kollegen, wir wollen als Mobilitätsdienstleister ja auch weiter wachsen.

Innerhalb kürzester Zeit haben wir die Personalgewinnung komplett digitalisiert. Unsere Interviews finden nicht mehr persönlich, sondern virtuell statt. Das heißt, wir legen weiterhin großen Wert darauf, dass sich Recruitende, Führungskräfte und Bewerbende »begegnen«. Dazu haben wir entsprechende Leitfäden und Trainings für die Techniknutzung entwickelt. Recruitingevents wie Infotage und Mitarbeiter*innen-Castings werden ebenfalls wo immer möglich in die virtuelle Welt übertragen. So wurde kürzlich beispielsweise eine geplante Sonderzugfahrt zu einem »Tag des Quereinstiegs« in Hessen kurzerhand in eine Videokonferenz mit dutzenden Teilnehmenden verwandelt. Vorgesehen ist zudem, dass Mitarbeitende eigene Videos von ihren Arbeitsplätzen online stellen. Auch Veranstaltungen für Schüler*innen finden nun zunehmend online statt – im virtuellen Klassenzimmer. Dies und vieles mehr haben wir im Rahmen der neuen Situation ausgearbeitet und ich bin richtig stolz, dass wir das gemeinsam als Team so schnell umgesetzt haben!

Kerstin Wagner © Dawin Meckel | OSTKREUZ

Wie haben Sie den Kontakt mit Mitarbeiter*innen gehalten? Welche Regelmäßigkeit und welches Tool haben sich hierbei als sinnvoll erwiesen?

Mir ist es wichtig, dass sich meine Mitarbeitenden insbesondere in der aktuellen Zeit informiert und dadurch sicher fühlen. Die Lage hat sich gerade zu Beginn der Krise sehr schnell verändert. Daher war mein Motto: »Wir fahren auf Sicht!« Im kleinen Leitungskreis mit meinen direkten Mitarbeitenden haben wir daher täglich über unser Kollaborationstool MS Teams Videokonferenzen durchgeführt. Gemeinsam haben wir unsere Informationen und Herausforderungen geteilt, Entscheidungen getroffen. Anschließend hat jede Führungskraft die Informationen in Dailies transparent mit ihren Mitarbeitenden geteilt. Zusätzlich haben wir einen check-in am Montag und check-out am Freitag jeder Woche im großen Leitungskreis mit etwa 80 Leitenden durchgeführt. Vertrauen und Nähe zu meinen Mitarbeitenden ist unerlässlich. Trotz der räumlichen Distanz kann man so Nähe schaffen und das heißt für mich auch: Kamera an. Und dabei ist es egal, ob jemand einen Bad-Hair-Day hat oder der Wäscheständer im Hintergrund steht. Wichtig ist, dass man sich wie bei einem »Livetermin« sieht.

Was haben Sie gemacht, um die Aufmerksamkeit Ihrer Mitarbeiter*innen auch vom Home Office aus halten zu können?

Home Office oder mobiles Arbeiten ist für uns alles andere als neu. Neu ist nur der Umfang. Gleichzeitig bleibt ja der Auftrag bestehen: Leute, stellt ein! Findet die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unser großes Team ist sehr motiviert unterwegs, ob im Büro, oder im Home Office. Wichtig ist aber auch, dass es Formate gibt, in denen sich die Mitarbeitenden auch außerhalb des Jobs begegnen. Digitaler Lunch, virtuelle Kaffeepause, da gibt es viele Möglichkeiten. Solche Begegnungen und Gespräche sind ja auch unerlässlich für einen guten Teamgeist und machen ja auch Spaß im Berufsalltag.

»Freiräume und Eigenverantwortung der Mitarbeitenden sind essenziell, um Kreativität und Innovationen zu fördern.« 

Wie haben Sie dafür gesorgt, dass Ihre Mitarbeiter*innen die Motivation nicht verloren haben oder verlieren?

Ambitionen, Leidenschaft und Begeisterung – das ist Teil unserer DNA als Team! Nichtsdestotrotz können solch tolle Ideen, wie oben beschrieben, nur dann zustande kommen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und von der Führungskraft die wichtigsten Prinzipien zur Zusammenarbeit vorgelebt werden. Mir ist es persönlich wichtig, dass wir hierarchieübergreifend zusammenarbeiten. Freiräume und Eigenverantwortung der Mitarbeitenden sind essenziell, um Kreativität und Innovationen zu fördern. Ich habe 800 schlaue Köpfe in meinem Team und jeder davon hat tolle Ideen. Wir haben einen Chat mit dem gesamten Team. Hierüber haben wir beispielsweise dazu aufgerufen, dass alle ihre Ideen mit uns teilen sollen. Dabei sind verrückte Ideen durchaus erwünscht, »Grüne-Wiese-Denken« ist unverzichtbar. Die »Ideen-Owner« arbeiten anschließend auch mit daran, diese umzusetzen. Verantwortung übernehmen macht Spaß! Den Chat nutzen wir übrigens auch, um Best-Practice-Beispiele mit allen zu teilen – das motiviert!

Was würden Sie in Zukunft anders machen?

Ganz ehrlich – das wissen wir erst nach der Krise, wenn wir zurückschauen können. Wir bekommen zurzeit sehr viel positives Feedback von den Bewerberinnen und Bewerbern. Alle sind froh, dass die DB weiter einstellt, dass sie so schnell neue Formate anbieten konnte. Wir stellen zurzeit Hunderte Menschen ein, die unsere Recruitenden nie persönlich gesehen haben – vom ersten Gespräch bis zum Vertrag – alles läuft digital ab. Es funktioniert sehr gut – das ist jetzt erst einmal die wichtige und positive Nachricht.

Welche Veränderungen werden in Ihren Augen in Zukunft, also nach Covis-19, auf dem Arbeitsmarkt auftreten? 

Aktuell sind die langfristigen Folgen von Corona für den Arbeitsmarkt noch schwer abzuschätzen. Fakt ist aber, dass kluge Köpfe und Fachkräfte auch weiterhin begehrt sein werden. Das heißt für uns: Wir stellen weiterhin ein!

Vielen Dank für diese spannenden Impulse.

 

Die Deutsche Bahn ist eine Partnerin des Netzwerks Nushu. Nushu weiß um die Wichtigkeit des Netzwerkens. Jede, die sich das junge Netzwerk gerne ansehen möchte, kann das Team gerne mal bei einem ihrer berühmten Kaffee-Dates kennenlernen. Mehr dazu finden Sie hier.