Weil Kurzfilme ihrer Gattung entsprechend ja nicht sehr viel Zeit haben, sich zu erklären, ist auch beim Kurzfilm Purl aus dem Hause Pixar sehr schnell klar, wo wir uns befinden: Im Headquarter einer Finanzfirma, die sich durch besonders auffällige Beliebigkeit auszeichnet. Männer in Anzügen laufen durch die Gänge, reden über Sport und üben sich im perfekten Schulterschluss. Der klassische Boys Club eben. Dann die plötzliche Disruption der optisch wie thematisch perfekt aufeinander abgestimmten Szenerie: Ein rosa Wollknäuel namens Purl steigt aus dem Aufzug und steht fortan für das Weibliche. Das bedeutet für Regisseurin Kristen Lester auch, dass Purl nicht gehört, ausreichend wahrgenommen und in Besprechungen einfach übergangen wird. Im Meeting bekommt das Wollknäuel außerdem zu hören, dass es zu soft sei – äußere Beschaffenheit und inneres Wesen korrelieren in diesem Fall wohl.

Das läuft so lange so weiter, bis sich Purl selbst in einen Anzug schmeißt und die Verhaltensweisen ihrer männlichen Kollegen annimmt und kopiert. Und siehe da – plötzlich wird das rosa Wollknäuel akzeptiert, angenommen und zu den berühmten After-Work-Drinks eingeladen. Das läuft so lange in dieser Weise weiter, bis plötzlich ein anderes Wollknäuel im Aufzug steht und inmitten des Männerhaufens schnell den Faden verliert. Purl nimmt sich dem neuen Wollknäuel an und Diversität entsteht. Es arbeiten also fortan Männer, Frauen und Wollknäuel erfolgreich miteinander. In einem Interview erklärte die Purl-Autorin und Regisseurin Kristen Lester, dass die Idee zu dem Kurzfilm auf ihren eigenen Berufserfahrungen beruht. »Bei meinem ersten Job war ich die einzige Frau im ganzen Büro. Und um das tun zu können, was ich liebe, wurde ich irgendwie einer von den Typen dort«, fasst sie zusammen.

Mit sehr einfachen Mitteln liefert der Film ein sehr klares Bild darüber ab, wie es ist, als Frau in eine männerdominierte Branche einzusteigen. Das Bild hängt jedoch ein bisschen schief, wenn man bedenkt, dass im gleichen Atemzug Stereotypen reproduziert werden. Warum wird die Frau nicht einfach als Frau dargestellt, sondern als rosafarbenes Wollknäuel? Warum hat das Wollknäuel eine  hohe Piepsstimme? Purl macht zwar auf ein sehr wichtiges Thema aufmerksam, schreibt gleichzeitig aber Genderstereotype fest – verstrickt sich, um bei der Woll-Metaphorik zu bleiben, also in jenen sexistischen Diskursen, die der Kurzfilm eigentlich aufzulösen versucht.