Eine Lücke definiert sich gemeinhin nicht darüber, was sie ist, sondern darüber, was sie nicht ist. Im Fall des Gender Pension Gap ist sie vor allem eines nicht: gerecht. In Österreich liegt der geschlechtsspezifische Pensionslücke aktuell bei 40 Prozent, was bedeutet, dass Frauen in noch viel größerem Ausmaß als Männer von Altersarmut betroffen und bedroht sind. Der Schließung dieser Lücke muss ein Umdenken vorausgehen, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Die eigenen Finanzen nicht nur im Blick zu haben, sondern sie mittels verschiedener Investmentformen aktiv zur Pensionsvorsorge einzusetzen, ist ein Weg, der glücklicherweise auch für Frauen immer interessanter wird. Auch wenn dem Thema Finanzbildung in sehr vielen Ländern noch längst nicht jener Stellenwert zukommt, den es eigentlich brächte, um Altersarmut aktiv vorzubeugen. So gibt es beispielsweise für den englischen Begriff »Financial Literacy« kein deutsches Äquivalent. Auch hier ist sie wieder, diese Lücke.

Für die Online Konferenz »SHEinvest – Money Talks«, die Sheconomy gemeinsam mit der WU Executive Academy geplant und durchgeführt hat, waren Lücken deshalb gleich auf mehreren, sich überlagernden Ebenen ein wichtiges Thema. Das gemeinsame Ziel war trotzdem klar: Wissenslücken im Bereich verschiedener Investmentmöglichkeiten sollten gefüllt werden. Dafür holte sich das Organisationsteam einen hochkarätig besetzten Reigen aus SpeakerInnen an Bord. Die beiden Keynotes wurden von der Finanzexpertin Larissa Kravitz und vom Chef der Wiener Börse, Christoph Boschan, gehalten. Kravitz präsentierte in ihrer Keynote die »three pink rules of investing«, die kurz zusammengefasst lauten: investiere nie in Produkte, die du nicht verstehst, lege am besten jetzt los und wäge die Risiken gut ab. Sie betonte außerdem die Vorteile, die Frauen am Finanzmarkt haben, weil sie überlegter und nachhaltiger an das Thema herangehen. Christoph Boschan pflichtete der Investorella-Gründerin in vielen Punkten bei, gab aber zu verstehen, dass der Finanzmarkt für ihn weder männlich noch weiblich ist. »Gäbe es tatsächlich einen zusätzlichen Vorteil durch weibliche Investitionen, dann würde dies allem, was effiziente Märkte ausmacht, widersprechen.« Am Ende seiner Keynote warnte er noch davor, den Markt »timen« zu wollen.

In der darauffolgenden Roundtable-Diskussion wurden die Auswirkungen der Covid-Krise auf den Finanz- und Investmentmarkt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Teodora Petkova (WU Executive Alumna & CEO Uni Credit Bulgaria), Elisabeth Müller (Country Managerin ESG Plus GmbH), Christiane Flehberger (Head of institutional Clients RCM), Markus Arnold (GF Arnold Immobilien), Sandra Straka (Executive Director Goldman Sachs Bank Europe SE) und Robert Ulm (CEO Hello Bank) diskutierten mit Finanzjournalistin Raja Korinek. Aber auch die Bedeutung eines diversifizierten Portfolios wurde hervorgehoben – ein Thema, das zum Beispiel von Sandra Straka sehr bildlich zusammengefasst wurde: »Never put all your eggs into one basket.« Außerdem kam immer wieder die Frage auf, ob Frauen wirklich so viel risikoscheuer anlegen als Männer. Selma Prodanovic beantwortete die Frage mit den folgenden Worten: »Women are risk aware not risk averse«.

Bevor es dann in die Deep Dives zu fünf unterschiedlichen Assetklassen ging, wies Martina Ernst, CEO von SalaryNegotiations, darauf hin, dass das Investment in einen selbst bzw. die Auseinandersetzung mit dem Wert der eigenen Arbeit ganz am Anfang stehen muss. Ein Thema, mit dem viele Frauen immer noch große Probleme haben, vor allem dann, wenn es um Gehaltsverhandlungen geht. Nach etwas mehr als einer Stunde, gefüllt mit hochaktuellem Input, wollten es die rund 140 Teilnehmerinnen noch genauer wissen und verabschiedeten sich schließlich in die Deep Dives, die von Alexandra Frania (Sales Director Columbia Threadneedle Investments), Heike Arbter (Board Member Raiffeisen Centrobank AG), Karin Kisling (CEO Savity), Anita Kirilova (Head of Sales MetLife Bulgaria & WU EA Alumna) und Selma Prodanovic (CEO 1MillionStartups) geleitet wurden.

Nach etwas mehr als zwei Stunden war allen Teilnehmerinnen klar, dass der Schlüssel zu mehr Selbstständigkeit und Freiheit im Umgang mit den eigenen Finanzen in der Bildung liegt. Hier Wissenslücken zu schließen, kann auch dazu beitragen, dass der Gender Pension Gap nicht noch weiter aufgeht. Und das deutsche Wort für »Financial Literacy«? Das wird es bald nicht einfach nur geben, sondern es wird ein Synonym für starke, unabhängige Investorinnen sein, die mit viel Engagement und Spaß für ihre Zukunft vorsorgen.