Einschaltquoten und Zahlen zur Social Media-Nutzung zeigen eines ganz deutlich auf: Die Corona-Krise hat das Bedürfnis nach Information deutlich in die Höhe getrieben. Wären die Straßen nicht ohnehin fast leer gewesen, könnte man jetzt mit Sicherheit behaupten, dass Informationssendungen mit Experten ähnliches Straßenfeger-Potenzial hatten wie einst Wetten Dass oder die Lindenstraße. Das ist zwar verständlich und nachvollziehbar, hat aber einen Haken: Der Zustand der Welt wurde in erster Linie aus Männersicht erklärt. Expertinnen und Erklärerinnen suchte man in der Regel vergeblich.

Eine jener wenigen weiblichen Stimmen, die man in den vergangenen Monaten hören konnte, gehört der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die mit ihren Beiträgen auf ihrem YouTube-Kanal »maiLab« Rekordzahlen einfuhr. Doch auch sie sieht die Situation kritisch, denn ihr Eindruck ist, »dass Frauen erst als Expertinnen in die Öffentlichkeit gehen, wenn sie seit Jahren einen Lehrstuhl innehaben, während Männer eher mal sagen, ich habe doch Biologie studiert, dazu kann ich was sagen«. »Wir schreiben alle möglichen Experten an, und uns schreiben viel mehr Männer zurück, die sich das zutrauen, vor so einem großen Publikum zu sprechen und für immer im Internet zu sein«, erklärte sie bezogen auf ihre Arbeit.

Maria Furtwängler © Martin Kraft, CC BY-SA 4.0

Auch der Schauspielerin Maria Furtwängler bereitet die Situation große Sorgen. Die von ihr und ihrer Tochter gegründete MaLisa-Stiftung warf deshalb einen genauen Blick auf die Medienberichterstattung in der zweiten Aprilhälfte. Analysiert wurden 174 abendliche TV-Informationssendungen mit Corona-Bezug in öffentlich-rechtlichen wie privaten Fernsehsendern. Außerdem wurden, in demselben Zeitraum, rund 80.000 Artikel mit Corona-Bezug in Online-Ausgaben von 13 Printmedien ausgewertet. Das Ergebnis scheint den subjektiven Eindruck von Mai Thi Nguyen-Kim zu bestätigen: In den TV-Formaten waren rund 22 Prozent der Experten weiblich. In der Online-Berichterstattung wurden Frauen nur zu rund 7 Prozent als Expertinnen erwähnt. »Es ist ein Signal, das von Medien ausgeht, sie sind Multiplikatoren. Sie setzen den Rahmen für das, was sich eine Gesellschaft vorstellen kann«, fasst Furtwängler zusammen. Furtwängler zieht daraus den Schluss, dass man in Krisenzeiten dazu tendiert, wieder auf alte Reflexe und gewohnte Muster zurückzugreifen. Eines dieser Muster sei, dass Männer die Welt erklären. Das Ungleichgewicht wird außerdem noch auf einer anderen Ebene schlagend: »Selbst zu den Themenbereichen Pflege und Medizin, in denen überwiegend Frauen tätig sind, wurden sie nur zu 17 Prozent befragt und kamen damit besonders selten als Expertinnen zu Wort«, sagt Furtwängler.

Der Verein in Deutschland ansässige Verein ProQuote Medien hat das Ungleichgewicht in der Berichterstattung bereits Mitte Mai diagnostiziert und kritisiert. »Wir wollen mehr Virologinnen, Infektiologinnen, Epidemiologinnen oder Intensivmedizinerinnen sehen, die für uns die Pandemie einordnen und erklären«, so die Vereinsvorsitzende Edith Heitkämper. Der Verein setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 2012 dafür ein, dass mehr Frauen im Journalismus in Führungspositionen kommen. Der Kritik folgte gleich eine Kampagne, bei der unter dem Hashtag #Coronaexpertin in sozialen Medien Namen von Expertinnen und Spezialistinnen gesammelt werden.

Header © Viet Nguyen-Kim, CC BY-SA 3.0 de