Das Büro der Vizepräsidentin, Wirtschaftskammer Österreich: Auf dem Schreibtisch begrüßt ein Leuchtboard mit der Aufschrift »Wir starke Frauen« die Besucherin. Dazu passend bringt ein männlicher Angestellter den Kaffee. »Mir fällt das schon gar nicht mehr auf«, lacht Martha Schultz. »Aber natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass ein Mann diese Aufgabe erledigt.« Die Tirolerin erzählt, dass sie morgens noch auf einem 3000 Meter hohen Gletscher war, um in ihrem Touristik-Betrieb nach dem Rechten zu sehen, bevor sie nach Wien gefahren ist. Ein bis zwei Tage pro Woche erledigt die Vizepräsidentin ihre Arbeit in der Wirtschaftskammer, die restliche Zeit leitet sie gemeinsam mit ihrem Bruder die Tiroler Schultz-Gruppe, Betreiberin von Seilbahnen, Skiresorts und Hotels. Das Familienunternehmen haben die Geschwister 2004 vom Vater übernommen, das Unternehmertum liegt in der Familie: Bereits die Urgroßmutter kaufte als Alleinerzieherin ein Bauernhaus; die Mutter erwarb mit 17 Jahren einen Eissalon und war damit die jüngste Unternehmerin des Zillertals. »Die starken Frauen in der Familie haben mich sehr geprägt«, erzählt Schultz. Der Anfang war jedoch schwierig: Nachdem Firmengründer Heinrich Schultz innerhalb kurzer Zeit einer schweren Krankheit erlegen war, kämpften die Geschwister Martha und Heinz mit Schulden, die Banken machten Druck. »Diese schwere Zeit hat uns aber auch zusammengeschweißt, der Zusammenhalt im Unternehmen war eine große Hilfe.« Heute gehört neben Berghütten und Hotels auch ein Golfplatz zur Schultz- Gruppe, um den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine ganzjährige Beschäftigung zu ermöglichen.

Als Alleinerziehende zum Erfolg. Da Martha Schultz als Alleinerzieherin beinahe an der mangelnden Kinderbetreuung im ländlichen Tirol scheiterte, gründete die Unternehmerin mit einigen anderen Müttern eine private Kinderspielgruppe – was im ländlichen Tirol anfangs auf viel Gegenwind stieß. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist der Vorsitzenden von Frau in der Wirtschaft bis heute das größte Anliegen. »In Wien funktioniert das schon ganz gut, aber im ländlichen Raum muss noch sehr viel passieren. Manchmal kommt es mir so vor, als wären wir zurück ins Biedermeier unterwegs.« 2016 hatten laut einer Studie von Frau in der Wirtschaft mehr als 51,7 Prozent der Unternehmerinnen Kinder, fast drei Viertel davon übernahmen die Kinderbetreuung selbst. Nur 35 Prozent der befragten Väter gaben an, zu Kindererziehung oder Haushalt beizutragen. Martha Schultz ist überzeugt, dass Arbeitszeitflexibilisierung eine Hilfe für viele Frauen wäre: »Gerade im Tourismus ist am Wochenende am meisten los. Ich kenne viele Frauen, die an diesen Tagen gerne arbeiten würden, weil sie eine Betreuung für ihre Kinder hätten – das Gesetz erlaubt es ihnen jedoch nicht.«

Visionen umsetzen. Den Erfolg ihres Unternehmens sieht Martha Schultz, selbst begeisterte Skifahrerin, in der Leidenschaft für ihre Heimat, die sie in Kommunikation und Marketing steckt. »Die Begeisterung für unsere Berge und die schöne Landschaft möchte ich auch im Ausland vermitteln und damit Gäste anlocken.« Visionen werden tatkräftig umgesetzt, wie erst kürzlich die Übernahme des Zillertaler Skigebiets Spieljoch. Geplant ist eine Seilbahnverbindung zwischen zwei Skigebieten. »Das Erlebnis findet am Berg statt, wir stellen die Transportmittel für einen schnellen Zugang.« Nachhaltigkeit wird in verschiedenen Bereichen gelebt, wie etwa bei der Investition in neue, emissionsarme Pistenmaschinen, die weniger Energie verbrauchen. Lebensmittel werden, wenn möglich, regional gekauft und lokale Gewerbebetriebe beauftragt. »Es ist auch wichtig, so etwas selbst vorzuleben«, ist die Unternehmerin überzeugt, »und das Auto auch einmal stehen zu lassen.« Skigebiets- und Hotelgäste werden für korrekte Müllentsorgung sensibilisiert. Kunstschnee sei jedoch von den Pisten nicht mehr wegzudenken. »Da mechanisch erzeugter Schnee kompakter ist und mit Carving Ski besser zu befahren ist, wird er von den Gästen eingefordert«, buckelige Skipisten wie früher sind nicht mehr erwünscht. Das Wasser für die Schneekanonen wird jedoch auch für die Stromerzeugung genutzt, um Energien zu sparen. 

»Männer haben sich 2000 Jahre lang vernetzt, ich hoffe nicht, dass wir so lange brauchen«

Vorbilder suchen. Jungen Unternehmerinnen legt die Geschäftsfrau ans Herz, sich mehr zuzutrauen und sich zu vernetzen, aber auch Solidarität zu zeigen. »Männer haben sich 2000 Jahre lang vernetzt, ich hoffe nicht, dass wir so lange brauchen«, so Martha Schultz. Auch Vorbilder seien enorm wichtig, ist sie überzeugt und nennt die Innsbrucker Bürgermeisterin Hilde Zach als Mentorin. Als WKO Präsident Christoph Leitl sie als Vize-Präsidentin nach Wien holen wollte, zögerte die Tirolerin nur kurz. »Früher hätte ich gesagt, ich muss noch mit meiner Familie reden und dreimal drüber schlafen – und dann wär’s wahrscheinlich ein Nein geworden«, lacht Schultz. »Aber dann habe ich an Hilde Zach gedacht und einfach Ja gesagt.« Bereut hat sie die Entscheidung nie, auch wenn aufgrund der vielen Arbeit Hobbys wie Lesen oder Konzertbesuche (Klassik) zu kurz kommen. »Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen ohnehin, wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist«, ist Schultz überzeugt und erzählt, dass sie in Wien gerne zu Fuß unterwegs sei, um in Bewegung zu bleiben. Und zum Schluss verrät die jung gebliebene Geschäftsfrau, die demnächst Oma wird, noch ihren Geheimtipp für Energie und gute Laune: »In der Früh aufstehen und gleich in den Spiegel lachen.«