Es ist ein kühler Novembertag, an dem wir uns mit Volvo-Produktmanagerin Andrea Woller treffen. Das tut ihrer Laune und ihrer Begeisterung jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Voller Überzeugung erklärt sie uns, warum es bei Volvo schon seit mehr als 40 Jahren um Sicherheit für alle Menschen geht. Und das aus gutem Grund. Schließlich ist es immer noch so, dass man sich als Frau immer noch nicht zu 100 Prozent darauf verlassen kann, in einem Auto genauso gut geschützt zu sein, wie ein Mann. Eine große Anzahl der verfügbaren Sicherheitskonzepte basiert nämlich nach wie vor auf Daten von männlichen Crashtest-Dummys. Das lässt das Verletzungsrisiko im Falle eines Verkehrsunfalls für Frauen deutlich größer ausfallen. Es sei denn man sitzt in einem Volvo. Das Unfallforschungsteam des schwedischen Herstellers erfasst seit den 1970er Jahren Daten aus echten Unfällen, um zu verstehen, was bei einer Kollision passiert. In diesen Daten sind Männer und Frauen gleichermaßen vertreten. Mit E.V.A. werden Ergebnisse aus über 40 Jahren Forschung zum öffentlichen Download angeboten. SHEconomy hat mit Andrea Woller über genau diese Themen gesprochen. 

Die Abkürzung E.V.A. steht für »Equal Vehicles for All«. Ist das auch ein Kernprinzip der Volvo-Unternehmensphilosophie?

Ein wichtiger Kernwert unserer Marke ist unser »human-centric approach«, im Mittelpunkt unseres Handelns steht also immer der Mensch. Damit sind aber nicht nur unsere KundInnen bzw. potentielle KundInnen oder die Volvo MitarbeiterInnen gemeint, sondern eigentlich alle Menschen, denn Volvo sieht sich als verantwortungsbewusster Change-Maker. Unsere ethischen Werte durchziehen alles, was wir tun. Und dieses Leitbild gibt es bereits seit Gründung der Marke 1927. Schon unsere Gründer Assar Gabrielsson und Gustaf Larson haben damals eine zukunftweisende und überaus human-orientierte Aussage getroffen: »Cars are driven by people. The guiding principle behind everything we make at Volvo, therefore, is and must remain, safety.«

42 Jahre später wurde dieses Statement um ein klares Gleichheitsprinzip ergänzt. Damals hat Volvo den 3-Punkt Sicherheitsgurt erfunden und war sich der Tragweite dieser Innovation für ALLE Menschen bewusst. Dementsprechend wurde die Erfindung des 3-Punkt Sicherheitsgurtes sofort als offenes Patent allen Automobilherstellern kostenlos zur Verfügung gestellt. Man kann davon ausgehen, dass dadurch bereits über eine Million Menschenleben gerettet wurde. Auch in diesem Jahr wurden diesbezüglich einige bedeutende Zeichen gesetzt – so auch mit der E.V.A. Initiative, in deren Rahmen die Ergebnisse aus über 40 Jahren Unfallforschung von Volvo in einer zentralen, frei zugänglichen digitalen Datenbank veröffentlicht wurden. Darüber hinaus wurde erst vor wenigen Tagen ein klarer Plan vorgestellt, wie Volvo bis 2025 seine CO2 Bilanz um 40 Prozent senken wird, inklusive der kompletten Lieferkette und Produktion, um in weiterer Folge bis 2040 ein klimaneutrales Unternehmen zu sein. Auch das ist ein klares Zeichen dafür, dass Volvo nicht nur die Menschen in seinen Autos schützen will, sondern dass Volvo alle Menschen und deren Zukunft ins Zentrum seines Handelns stellt.

In welchen Unfallsituationen sind Frauen besonders gefährdet?

Frauen haben aufgrund ihrer Anatomie, vor allem in den Bereichen der Halswirbelsäule und des Brustkorbs, ein höheres Risiko, ein Schleuder- als auch Thoraxtrauma zu erleiden, als Männer. Darüber hinaus benötigen Frauen auch besonderen Schutz bei einem Seitenaufprall, da sie zumeist kleiner als der durchschnittliche Mann sind und somit tiefer und näher am Lenkrad sitzen. Um die Gefahr eines Schleudertraumas zu reduzieren, hat Volvo ein besonderes Schleudertrauma-Schutzsystem (WHIPSTM) entwickelt, das in Kombination mit der besonders robusten, fixen Kopfstütze und einem innovativen Sitzdesign, sowohl Kopf als auch Wirbelsäule perfekt schützt. Damit wurde das Risiko eines Schleudertraumas bei Frauen und Männern gleichermaßen verringert. WHIPS ist bei allen Volvo Modellen serienmäßig in die Vordersitze integriert.

Das Risiko eines Thoraxtraumas wurde bei Volvo durch die besondere, patentierte Fahrzeugstruktur, einer Kombination aus fünf verschiedenen Stahlhärten sowie Aluminium, den seit 1959 stetig weiterentwickelten 3-Punkt-Sicherheitsgurt und durch das Seitenaufprall-Schutzsystem (SIPSTM) laufend reduziert. Dadurch war es Volvo möglich, schwere Brustkorbverletzungen bei allen Insassen, sowohl bei Männern als auch Frauen, um mehr als 50 Prozent zu verringern. Des Weiteren konnte Volvo mit dem Kopf-/Schulterairbag (Inflatable Curtain), der das gesamte Fenster abdeckt und dadurch die bei vielen Frauen geringere Körpergröße ausgleicht, das Risiko von Kopfverletzungen um 75 Prozent reduzieren.

Ist es technisch schwierig, ein Auto zu bauen, in dem sowohl Männer als auch Frauen, geleichermaßen und möglichst  gut geschützt sind?

Es geht nicht darum, ob es technisch schwierig ist, ein Auto zu bauen, in dem sowohl Männer als auch Frauen gleich gut geschützt sind, es geht in erster Linie darum zu wissen, welche Auswirkungen die geschlechterspezifischen Unterschiede in der Anatomie bei den diversen Arten von Unfällen (Frontal-, Seiten- Heckaufprall) haben. Auf Basis dieses Wissens, das Volvo durch seine über 40-jährige Unfallforschung gesammelt hat, war es möglich Sicherheitssysteme zu entwickeln, die unabhängig von Geschlecht und Alter, alle Insassen in gleichem Ausmaß schützen. Darüber hinaus ist Volvo führend bei der Entwicklung von Unfallvermeidungssystemen wie zum Beispiel City Safety, damit es gar nicht erst so weit kommt.

Was bedeutet 40-jährige Unfallforschung im Detail?

1970 wurde das Volvo Unfallforschungsteam gegründet. Ergänzend dazu wurde im Jahr 2000 das Volvo Safety Centre – das konzerneigene Crashtest Labor – eröffnet. Die Aufgabe des Volvo Traffic Accident Research Teams, das aus IngenieurInnen und WissenschaftlerInnen besteht, ist es, wenn ein Volvo im Umkreis von wenigen Fahrstunden um Göteborg einen Unfall hat, den Unfall-Standort anzufahren, um Unfalldetails wie Wetter, Wind und Straßenzustand zu untersuchen. Darüber hinaus werden Polizei- und Versicherungsberichte angefordert, die Unfallbeteiligten kontaktiert, um Informationen zum individuellen Unfallerlebnis aber auch den Unfallverletzungen zu erhalten. Der Unfallwagen wird ebenso untersucht. Wenn die Ingenieure von einer Volvo bezogenen Ursache ausgehen, wird darüber hinaus der Unfall mittels realem Crashtest unter den gleichen Bedingungen nachgestellt. Das Team der Unfallforschung analysiert jeden Einfluss-Faktor vor und während des Unfallgeschehens und gibt in der Folge diese relevanten Informationen an die Produktentwicklung weiter, um aktive und passive Sicherheitssysteme zu entwickeln bzw. stetig zu verbessern.

Folgende Daten und Fakten untermauern diesen Aufwand noch mit Zahlen: Die jährlichen Kosten für eigene Crashtests belaufen sich auf 5 Millionen Euro – und das exklusive der Kosten der gecrashten Fahrzeuge. Rund 15.000 bis 20.000 Crashtestsimulationen werden vor Durchführung der realen Crashtests durchgeführt. In etwa zwei Crashtests pro Tag finden statt. Darüber hinaus hat das Traffic Accident Research Team  Daten von mehr als 40.000 Autos und 70.000 Passagieren gesammelt und analysiert.

Können Sie die bisherigen Reaktionen auf die E.V.A. Initiative kurz für uns zusammenfassen? Was war für Sie überraschend?

Grundsätzlich war das mediale Echo der E.V.A. Initiative sehr positiv und umfangreich. Es hat mich aber trotzdem verwundert, dass es auch Stimmen gab, die Volvo ein reines Marketinginteresse unterstellt haben. Ich kann aber alle Zweifler beruhigen: Diese Initiative ist zwar ethisch unbezahlbar aber aus ökonomischer Sicht ein schlechter Deal, denn der Wert unserer Sicherheitsdatenbank liegt jenseits der erzielten Mediawerte.

Es ist kein Geheimnis, dass sehr viele Dinge unseres täglichen Alltags von und daher auch eher für Männer designed und programmiert wurden. In welchen Situationen oder bei welchen Gegenständen fällt Ihnen das sonst noch in besonderer Weise auf?

Ein simples Beispiel aus dem Alltag ist der Fakt, dass es ausgesprochen schwierig ist, gute Arbeitskleidung für handwerkliche Tätigkeiten in passender Größe zu finden. Das beste Beispiel sind für mich schnittfeste Arbeitshandschuhe – und damit meine ich nicht Rosen-Schnitt Handschuhe – die ich nur in Spezialgeschäften in meiner Größe finden kann. Ich bin gerne handwerklich tätig und ärgere mich immer im Baumarkt über die riesige Abteilung für Arbeitskleidung, die leider zum Großteil nur für Männer ausgelegt ist. Dieses Beispiel mag sehr banal klingen, aber dieser Genderaspekt in der unterschiedlichen Wahrnehmung kann auch drastische Folgen haben. Ich habe einen interessanten Artikel erst kürzlich dazu gelesen – es ging um die Sterblichkeit von Frauen und Männern nach einem Herzinfarkt. Dabei wurde auf eine Studie aus den USA verwiesen, die besagt, dass zwar Frauen häufiger nach einem Herzinfarkt sterben als Männer, aber deutlich häufiger überleben, wenn Sie von einer Ärztin behandelt werden. Der Grund hierfür liegt einfach darin, dass die (artikulierten) Symptome von Frauen und Männern oft unterschiedlich sind und Ärztinnen tendenziell intensiver nachfragen bzw. sich dieser Unterschiede bewusst sind.

Es gibt natürlich auch den Gegentrend, bei dem Frauen für Frauen designen. Volvo hat im Jahr 2004 auf dem Genfer Automobilsalon die Concept-Studie »YCC – Your Concept Car« vorgestellt. Ein neunköpfiges Team aus Frauen hat ein Fahrzeug entwickelt, dass auf die Bedürfnisse moderner Frauen abgestimmt ist. Bei der Entwicklung des YCC ermittelten die Expertinnen, was anspruchsvollen Frauen bei einem Fahrzeug besonders wichtig ist: Cleverer Stauraum, leichter Ein- und Ausstieg, ein gutes Sichtfeld, minimaler Wartungsaufwand und gute Übersicht beim Einparken. Mir ist am meisten in Erinnerung geblieben, dass die Kopfstütze ein Loch hatte, damit man auch bei hochgesteckten Haaren oder Pferdeschwanz nicht hinten ansteht – ein ungemein praktisches Feature, das wohl jede Frau positiv begrüßen würde.

Was bedeutet Female Empowerment für Sie?

Unsere Gesellschaft muss Frauen viel stärker dazu animieren und die Rahmenbedingungen dazu schaffen, auch in technischen und handwerklichen Berufen Fuß fassen zu können. Das Angebot ist groß aber aktuelle Studien zeigen, dass immer noch nur ein geringer Anteil von Lehrlingen und Studentinnen in der Ausbildung zu klassisch männlichen Berufen zu finden ist. Volvo Car Austria setzt hier das beste Beispiel für mich, da unsere Geschäftsleitung mittlerweile zu 50 Prozent aus Frauen besteht – und das in einer der am stärksten männerdominierten Branche der Welt, der Automobilbranche.


Alle Fotos © Sebastian Freiler, www.sebastianfreiler.com