»Wenn wir also klug sind – was wir leider nicht oft sind – werden wir die Chance nutzen, neue Vorschriften festzulegen, die es den Ländern ermöglichen, sich auf ihr Know-how und ihre spezifischen Qualitäten zu besinnen, und ein Jahrhundert der Kunst und des Handwerks einzuläuten, in dem Handarbeit wieder geschätzt wird. […] Die lokalen Industrien und Aktivitäten vor Ort werden wieder in den Vordergrund rücken und Initiativen, die von den Menschen selbst ausgehen, werden wichtiger werden, wie Tauschhandel, Open Tables, Bauernmärkte, Straßenfeste und eine DIY-Attitüde«, schreibt die Zukunftsforscherin Li Edelkoort in einem Kommentar zur Zeit nach Corona. Sehen Sie das auch so uneingeschränkt positiv? Vor allem in Bezug auf Versorgungssicherheit und regionale Wertschöpfung …

Man soll überall auch das Gute sehen, ich selbst habe es mir zur Aufgabe gemacht, gerade in dieser schwerwiegenden Zeit, reinsten Positivismus auszustrahlen. Trotzdem ist es jedoch klar, dass wir den Fakten ins Auge sehen müssen. Natürlich wird die Welt nicht untergehen, wir werden die Krise mit Kreativität und Energie überwinden und ein paar Dinge werden tatsächlich besser sein als vorher. Aber den Anbruch eines goldenen Zeitalters wie ihn offenbar manche Zukunftsforscher erträumen, kann ich derzeit – unter diesen Voraussetzungen – nicht erkennen.

 Denken Sie, dass die Krise nachhaltige Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben in Österreich haben wird?

Auf alle Fälle. Kurz- und mittelfristig wird die Profitabilität der Unternehmen deutlich schlechter werden, wir werden mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben und trotz aller staatlicher Maßnahmen wird eine Reihe von an sich soliden Unternehmen die Coronakrise nicht überstehen. Dafür werden die Unternehmen, die es geschafft haben, auch ihre Zukunftsfähigkeit massiv verbessert haben: Stichworte sind Digitalisierung, moderne Arbeitsformen, Kosteneffizienz und nicht zuletzt ist die aktuelle Situation auch ein Crashkurs in Sachen Flexibilität und Kreativität. Zu hoffen ist auch, dass es eine starke Sensibilisierung und Fokussierung auf Qualität, heimische Wertschöpfung und Sicherung von Arbeitsplätzen im Land, Stärkung des Wirtschaftsstandortes gibt. Vielleicht setzt sich endlich die Erkenntnis durch, dass es sich schlicht langfristig nicht lohnt, am anderen Ende der Welt zu produzieren, nur weil es dort vielleicht ein paar Cent billiger geht.

Monica Rintersbacher und ihr Team

Auf ihren Social Media-Kanälen rufen die Leitbetriebe Austria dazu auf, »Made in Austria« neu denken. Was bedeutet das konkret?

 Der Titel unserer Initiative ist auch das Programm. Wir wollen damit einen Beitrag zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts leisten und das geht am besten oder vielleicht überhaupt nur mit neuen Denkansätzen. Unsere Initiative ist daher ein Aufruf an alle Unternehmerinnen und Unternehmer, wie auch Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in Unternehmen ihre Ideen, und praktischen Erfahrungen, ihre tiefgreifenden und vielschichtigen Branchen- und Marktkenntnisse in den nun anstehenden Erneuerungsprozess der österreichischen Wirtschaft aktiv einzubringen. Die politischen Entscheidungsträger brauchen dieses Know-how, um jetzt die Wirtschaft rasch wieder in Schwung zu bringen und darüber hinaus die Rahmenbedingungen des Wirtschaftsstandorts Österreich nachhaltig zu verbessern. Daher werden wir Konzepte und Vorschläge der Unternehmen sammeln, bündeln und effizient an relevanten Stellen deponieren.

Die Krise befeuert aktuell digitale Transformationsprozesse. Wie beurteilen Sie den Digitalisierungsstatus der österreichischen Unternehmen und Marken?

Sehr positiv. Zwar wusste auch schon vorher jeder, dass wir die Möglichkeiten der Digitalisierung aktiv nutzen müssen, um langfristig im globalen Wettbewerb bestehen zu können, aber in der betrieblichen Praxis hat sich dieses Wissen nicht immer niedergeschlagen. Jetzt muss es sein, z.B. in Form von Telearbeit, digitalen Meetings und vielem mehr, und siehe da, auf einmal geht es schnell. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass sich das Wirtschaftsleben auch in Zukunft zwischen Menschen abspielen wird. Digitalisierung macht uns effizienter, aber reale, persönliche Begegnungen bleiben unverzichtbar. Sie regen unsere Kreativität an, sie motivieren, und seien wir ehrlich, erst sie machen doch das Leben schön.

Worin zeichnet sich die Stärke einer Marke während einer solchen Krisenzeit aus?

Die Marke spiegelt letztlich die DNA eines Unternehmens wider. Seine Geschichte, seine Produkte, seine Marktposition, seine Werte. Das ist in der Krise nicht grundsätzlich anders, aber es ist doppelt so wichtig wie in guten Zeiten. Eine starke, positiv besetzte Marke schafft das notwendige Vertrauen darauf, dass das Unternehmen die Krise überstehen wird, dass es danach an alte Erfolge anknüpfen kann, und nicht zuletzt, dass es ein Geschäftspartner ist, dem man vertrauen kann, auch wenn die Zeiten härter sind. In der Krise gibt es sozusagen eine Sonderdividende auf die Investitionen, die man davor in eine Marke getätigt hat.

Was haben Sie für sich und die Leitbetriebe aus der Krise gelernt?

Als von einem Tag auf den andern nichts mehr so war wie früher, hat sich gezeigt, dass es eben auch anders geht. Krise macht kreativ, für jedes Problem gibt es auch eine Lösung und das ist doch eine sehr befreiende Erkenntnis. Auch habe ich, wie viele andere auch, viel mehr Zeit für mich gewonnen, habe viel Sport betrieben, viele Dinge erledigt, die sonst immer verschoben wurden und gesehen, dass ein Tag ohne prallvollem Terminkalender ausgesprochen schön ist. Zumindest ein bisschen von dieser Art des Lebens möchte ich auch in die Nach-Corona-Zeit übernehmen. Ich liebe meine beruflichen Aufgaben und Herausforderungen und freue mich schon sehr auf persönliche Zusammentreffen, aber eine »Lücke« im Kalender ist genauso schön.

Alle Foto © Sabine Klimpt