»Jetzt bin ich hier und jetzt ist es gut«, fasst Julia Kilarski, Pâtissière und Besitzerin des kleinen Kaffeehauses Créme de la Créme ihren kurvenreichen Karriereweg zusammen. So richtig aus der Bahn geworfen, hat es sie dabei aber nie. Und das, obwohl sie nach einem erfolgreichen Jus-Studium und ersten beruflichen Schnupperstunden in der Welt der Gesetzestexte ganz genau wusste, dass sie damit bestimmt nicht ihr ganzes Leben verbringen wird. Ein Zufall hat plötzlich alles wieder auf Schiene gebracht: »Rein zufällig bin ich auf Cake Pops (Anm.: Kleine Kuchen am Stiel) aufmerksam geworden und habe mir gedacht, dass das auch in Wien gut funktionieren könnte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gerade mein Gerichtsjahr absolviert. Weil ich das aber unbedingt probieren wollte, habe ich dann diesen Weg eingeschlagen, die Konditormeisterprüfung gemacht und so viel wie nur irgendwie möglich über das Backen gelernt. Immer mit dem Hintergedanken einmal ein modernes Kaffeehaus aufzumachen, mit moderner Patisserie.«

Das ist ihr eindeutig gelungen. Dort wo die Lange Gasse fast schon schluchtartig in den 9. Bezirk mündet und von der stets belebten Alser Straße verschluckt wird, liegt das Créme de la Créme. Kalte Sturmböen ziehen durch die Schlucht als wir Julia in ihrem Kaffeehaus besuchen. Davon merkt man im Créme de la Créme aber nichts. Das liegt einerseits an der angenehmen Klaviermusik im Hintergrund und der prinzipiell gemütlichen Atmosphäre, als auch an Julias ruhiger und besonnener Art. Man merkt, dass sie hier, in ihrem Kaffeehaus, angekommen ist. »Die Ausbildung zur Konditormeisterin habe ich am Judenplatz gemacht, da war ich schon deutlich älter als die meisten meiner Schulkamerad*innen. Und so hat sich dieses Puzzle dann Stück für Stück zusammengefügt und ich habe verstanden, wofür jeder einzelne Schritt notwendig war. Das war schon ein sehr langer Prozess, aber jetzt bin ich hier und jetzt ist es gut«, erklärt sie. Das bestätigt auch der Erfolg des Créme de la Créme, das demnächst seinen dritten Geburtstag feiert.

»Natürlich war ich zuerst ein Paradiesvogel. Die Leute schauen schon mal, wenn ihnen plötzlich eine ausgebildete Juristin statt eines 17-jährigen Lehrmädchens gegenüber steht. Wie in anderen Branchen auch, gibt es natürlich Sachen, die laut Schulbuch immer schon so waren und deshalb immer so sein müssen. Da erntet man schon mal schiefe Blicke, wenn man etwas anderes macht, aber am Ende des Tages ist es für mich wichtig, dass die Produkte von meinen Kund*innen angenommen werden«, resümiert Kilarski lachend. Und natürlich kamen von mehreren Seiten auch Warnungen und Verunsicherungen. Verlassen hat sich die Pâtissière mit dem ungewöhnlichen Karriereweg dann aber doch auf ihr Gefühl und auf den Rückhalt aus der Familie. Und wenn doch mal Zweifel aufkamen, hat Julia Kilarski immer wieder probiert, sie mit einer dicken Schicht aus Vertrauen wieder zuzudecken. »Ich habe mir natürlich gewünscht, dass es einschlägt wie die Bombe, aber das weiß man vorher halt nie. Ich habe aber immer in unsere Produkte und in ihre Qualität vertraut und bin jetzt um ein Vielfaches selbstbewusster als damals.« Einen anderen Job zu machen, könnte sich Julia heute nicht mehr vorstellen. Sie schätzt vor allem die Freiheit, die mit der Selbstständigkeit einhergeht: »Mein Job bringt mir unglaublich viel Freiheit, obwohl ich im Kopf 24 Stunden mit meinem Geschäft beschäftigt bin.« Klingt paradox? Nicht für die Paradiesvögel der Patisserie-Branche.

Alle Fotos © Mike Rabensteiner