Frauen haben nach wie vor selten Führungspositionen inne. In Österreich liegt ihr Anteil in den Vorständen börsennotierter Unternehmen bei nur 4,9 Prozent. Gesetzliche Frauenquoten nehmen zwar zu, ihr Effekt ist aber leider nicht immer nachhaltig. Was bräuchte es für wirklich nachhaltige Veränderung?

Frauenquoten sind nichts anderes als ein messbares Ziel, das man sich setzt – und damit eine gute Sache, weil klare Vorgaben schneller zum Erfolg führen. Und wo es keine Vorgaben gibt, dort bewegt sich eben nichts. Neben gesetzlichen Vorgaben braucht es aber auch ein klares Bekenntnis des Unternehmens selbst. Erklärtes Ziel der ÖBB ist es beispielsweise, den Anteil von Frauen im Konzern bis 2023 auf über 16 Prozent zu heben. Im Fokus steht dabei der Frauenanteil bei der Neubesetzung von Führungspositionen. Unser Engagement im Bereich Diversity und Antidiskriminierung erfährt auch extern Anerkennung und wird wurden dafür schon mit unterschiedlichen Preisen ausgezeichnet.

Es ist leider auch kein Geheimnis, dass sich viele Frauen weniger zutrauen als Männer. Vor allem wenn es darum geht die eigene Karriere voranzutreiben. Könnte mangelndes Vertrauen in das eigene Potenzial auch ein Grund dafür sein, warum sich nur so wenige Frauen für eine Karriere im MINT-Bereich entscheiden?

Es mag durchaus stimmen, dass Frauen oftmals eine gewisse Hemmschwelle vor technischen Berufen haben. Meist liegt es am veralteten Bild, das in den Köpfen und in den Medien vorherrscht. Technische Berufe werden oft mit Schmutz und Körperkraft verbunden. Dabei bringt gerade die Digitalisierung hier starke Veränderungen und Modernisierungen, auch bei den ÖBB. Und gerade technische Bereiche können für Frauen sehr interessant sein. Frauen sind in der Technik mindestens genauso kompetent und gefragt wie Männer! Eine gewisse Technik-Affinität ist natürlich von Vorteil. Aber ein Profi muss man anfangs definitiv nicht sein.

Was könnten andere Gründe für diese Scheu vor technischen Berufen sein?

Ich glaube, dass hier häufig noch festgefahrene Wertebilder vorhanden sind, die dringend aufgebrochen gehören. Frauen können in jedem Beruf und in jeder Branche erfolgreich sein, für die ihr Herz schlägt.

Wie nehmen Sie dieses wichtige Thema innerhalb der ÖBB wahr?

Gerade in den technischen Berufen ist uns weibliche Verstärkung sehr wichtig. Deshalb sind wir in diesem Segment als potenzieller Arbeitgeber sehr aktiv. So organisieren wir zum Beispiel. Unternehmensbesuche im Rahmen des Töchtertags, haben eine Kooperation mit dem Österreichischen Frauenlauf, beteiligen und am Girls! Tech-Camp und haben Cross-Mentoring-Programme mit den Wr. Stadtwerken und der Asfinag.

Wie wird sonst noch mit dem Thema umgegangen? Im Lehr- und Ausbildungsbetrieb des Unternehmens beispielsweise …

Speziell in der ÖBB-Infrastruktur AG ist der Frauenanteil traditionell eher geringer. Um ihn zu heben, beginnen wir schon bei den Lehrlingen. Beispielsweise bringt der Konzern Mädchen technische Projekte und Berufe näher und begleitet sie intensiv. Zum Beispiel beim Girls! Tech-Camp. Entsprechend haben wir in der ÖBB-Infrastruktur AG einen Mädchenanteil von über 14 Prozent unter den Lehrlingen. Im Vergleich zu anderen Unternehmen der Branche ist das ein Erfolg. Außerdem achten wir darauf, jene Frauen, die ihre Lehre im Konzern gemacht haben, gut ins Erwerbsleben zu bringen. In eine gute Arbeit, auf stabile Arbeitsplätze mit Zukunftsorientierung und speziellen Weiterbildungsmöglichkeiten. Darüber hinaus unterstützen die ÖBB die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter anderem mit betriebsnahen MINT-Kindergärten.

Welche Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung erachten Sie als sinnvoll? Ich erinnere mich beispielsweise an den Buben-Mädchen-Tag in meiner Schule. Ich habe damals Star Trek und Karate probiert, während die Buben typische »Mädchen-Dinge« gemacht haben …das war als Einzelmaßnahme vielleicht nicht ganz so sinnstiftend.

Viel sinnvoller erscheint mir, jungen Frauen einen direkten Einblick in Technikberufe oder technische Ausbildungen zu geben. Deshalb laden wir Schülerinnen im Rahmen des Wiener Töchtertages in unsere Lehrwerkstätte in Wien ein. Hier bekommen sie ein konkretes Bild davon, wie eine Lehre bei den ÖBB aussieht und können hier auch selber ein wenig Hand anlegen und die eine oder andere Maschine ausprobieren. Das weckt Interesse an Technikberufen und baut etwaige Hemmungen ab.

Viele Frauen, die sich für technische Studiengänge entscheiden, brillieren in ihren technischen Studienfächern, haben es später am Arbeitsmarkt aber trotzdem deutlich schwerer. Gilt hier in vielen Unternehmen immer noch »Sie ist zwar fleißig, aber leider kein Mann?«?

Hier kann ich nur für mein eigenes Unternehmen sprechen und bei uns gelten für Frauen und Männer dieselben Grundsätze: Respekt erarbeitet man sich über fachliches Know-how und den entsprechenden Einsatz.

Gibt es ein spezifisches »Key Learning«, das Sie aus der Zeit, die Sie bisher schon als Vorständin der ÖBB-Infrastruktur verbracht haben, mitnehmen konnten?

Konsequent das Ziel vor Augen haben. Sich nicht blenden lassen.

Welche Tipps haben Sie für Frauen, die in technischen Berufen vorankommen möchten? Im Idealfall bis ganz nach oben …

Glaub an dich, lass dich nicht abschrecken und vernetze dich gut. Dir stehen alle Türen offen!