In Ihrem Buch beschreiben Sie die neuen Superhelden der Politik –Putin, Erdogan oder bis vor kurzem auch noch Trump –, die in ihren Eigenschaften so ungefähr das Gegenteil von dem darstellen, was heute in der Wirtschaft verlangt wird. Dabei war es bislang so, dass Leadership sich in beiden Bereichen ähnlich definierte. Wie erklären Sie dieses Auseinanderdriften?

Ich vermute, dass die komplexen Problemstellungen in der Wirtschaft von Haus aus nach viel Input aus verschiedenen Disziplinen verlangen. Dem gegenüber steht die klassische Hierarchie der politischen Strukturen in unseren veraltet anmutenden Nationalstaaten. In der Wirtschaft öffnen sich die Grenzen raus aus dem Nationalen ins Internationale – was man von den aktuellen politischen Entwicklungen mit ihren nationalistischen Tendenzen nicht behaupten kann. In der Wirtschaft muss man alles Wissen, das man nicht selbst im Land hat, zukaufen – so auch in der Wissenschaft. Forschungsprojekte sind prinzipiell genauso ausgelegt – denn im wissenschaftlichen Leben ist klar, dass es keine nationalen Alleingänge mehr geben kann, um die großen Probleme zu lösen. Möglicherweise ist das eine Erklärung für dieses Auseinanderdriften.

Einer Ihrer Sätze lautet: »Klassische Helden sind Einzelkämpfer«.Parallel dazu wird uns erklärt, dass die Zukunft im Teamgeist liege – und doch wollen wir alle irgendwie Helden sein. Wie löst man dieses Dilemma?

Wenn ich mir unsere Welt in ihrer derzeitigen Komplexität anschaue, frage ich mich, ob jetzt tatsächlich die Zeit von Einzelkämpfern ist? Ja, sie wird ständig ausgerufen, aber in Wirklichkeit ist etwas ganz anderes gefragt. Daher glaube ich nicht, dass man Frauen zu Einzelkämpferinnen machen muss, wenn sie erfolgreich sein sollen. Es gibt Unternehmerinnen, Managerinnen oder Politikerinnen, die junge Frauen fördern, weil sie sich dessen bewusst sind, dass dies wichtig für die Zukunft ist und weiteren Frauen den Weg ebnet. Damit sind sie Teil der Lösung, denn sie schaffen eine bessere Repräsentation von Frauen. Als konkrete Beispiele fallen mir die Bundeskanzlerin Angela Merkel ein, die als Staatsfrau mittlerweile außer Frage steht, oder die österreichische Ex-Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein – keine Frage, dass sich beide Frauen als Role-Model eignen…

Sie thematisieren auch »Die Angst vor der Frau mit Universitätsabschluss und eigenem Einkommen«. Ist dies eher die Angst vor dem Unvorhersehbaren, das die unabhängige Frau mit sich bringt? Oder Angst vor dem Kontroll-/Machtverlust?

Eine Frau, die zu Wissen und Geld Zugang hat, kann unabhängige Entscheidungen treffen und muss eine Partnerschaft nicht bis zum bitteren Ende aufrechterhalten. Sie kann einfach gehen. Damit bedarf die Beziehung auch mehr Pflege, denn sie ist einem höheren Risiko ausgesetzt, dass die Frau sonst irgendwann sagt: Ich will anderes. Daher sehe ich die Angst eindeutig beim Kontroll- und Machtverlust.

Diese Ausgabe von SHEconomy steht unter dem Schwerpunkt Karriere/Erfolg/Sinn – die Kombination aus diesen drei Faktoren wäre sozusagen die perfekte Erfolgsgeschichte. Warum gelingt sie so selten?

Keine leichte Frage. Es kommt darauf an, wie man Sinn definiert. Ich glaube, dass Sinn etwas ist, das sich verändern kann. Wenn man es in der ursprünglichen Wortbedeutung sieht, hat es mit Reisen, mit Orientierung zu tun. Es ist also etwas, das sich ändert. Ich kann zum Beispiel einen Abschluss in einem Fachgebiet anstreben und plötzlich stelle ich fest, dass ich dort nicht so arbeiten kann, wie ich will. Oder meine Ziele im Privaten nicht so umsetzen kann, wie ich es im Sinn hatte. Karriere mit Sinn ist auch ein Glück: Da ist vieles, was man richtig gemacht hat, plus ein guter Zufall und gesellschaftliche Bedingungen, die alles aufgehen lassen.

Das gesamte Interview lesen Sie in unserer Print-Ausgabe, die ab 15. Dezember am Kiosk erhältlich ist.

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