SHE: Wir leben immer noch in einer Welt die größtenteils von weißen Männern designed und programmiert wird und wurde. Glücklicherweise werden die Stimmen für mehr Diversität immer lauter und es findet in vielen Bereichen ein Umdenken statt. Wie ist das in der Industrie, in der Du arbeitest? Finden weibliche Sichtweisen beim Thema Erotik schon etwas mehr Gehör?

Erika Lust: Das ist mit Sicherheit der Fall. Und das konnte ich auch ganz eindeutig an meiner eigenen Arbeit ablesen. Meine Website XConfessions hat mittlerweile 375.000 Abonnent*innen. Das ist an sich schon beachtlich, noch bedeutsamer ist aber, dass sich 90.000 davon im Jahr 2019 angemeldet haben. Das ist ein Zuwachs von 31,4 Prozent innerhalb nur eines Jahres. Aber auch wenn man sich die gesamte Industrie ansieht, lässt sich gut beobachten, dass es immer mehr talentierte Filmemacherinnen gibt, die zeigen, wie breit gefächert und wunderschön weibliche Lust sein kann.

Und auf diese Weise entsteht nach und nach ein Gegengewicht zum Mainstream …

In den vergangenen Jahren war es deshalb auch mein Ziel, mehr und mehr jungen Filmemacherinnen die Chance zu geben, in der Industrie Fuß zu fassen. Auf meiner Website XConfessions lade ich zum Beispiel junge Filmemacherinnen dazu ein, ihre Projekte einzureichen. Ein Open Call sozusagen. Das gibt uns die Möglichkeit verschiedene Perspektiven aufzuzeigen – was das Thema Sexualität angeht, aber natürlich auch was das Filmemachen an sich betrifft. Dadurch entwickelt sich eine Vielfalt an Perspektiven und Ideen, die wichtig ist, um ein Gegengewicht zu all den massenweise produzierten und vor Klischees strotzenden Filmen auf den free tube sites zu schaffen. Ich finde es unglaublich wichtig zu zeigen, dass Pornographie auch anders aussehen und sich anders anfühlen kann. Deshalb möchte ich in meinen Filmen auch die weibliche Lust in den Fokus rücken. Frauen sind keine passiven Objekte, deren einziges Ziel im Bett es ist, ihre Männer zu befriedigen. XConfessions ist deshalb eine Seite, auf der smarte, sex positive und respektvolle Filme für Erwachsene zu sehen sind. Solche sucht man im Massenmarkt nämlich meistens vergeblich. Ich zeige deshalb Frauen, die Spaß an ihrer eigenen Lust haben, die verwöhnen, aber auch verwöhnt werden. Diese Selbstbestimmtheit in Bezug auf Sexualität und den weiblichen Körper ist mir sehr wichtig. Es kommt nicht darauf an, ob der Film kinky, romantisch oder irgendetwas dazwischen ist – was Frauen ermächtigt, ist, dass sie eine Stimme darin haben und ihrer eigenen Lust Raum geben können. Gleichzeitig bringe ich damit natürlich auch den populären Diskurs, dass Frauen sich von erotischen Filmen weniger erregt fühlen als Männer, ins Wanken.

Hörst Du hin, wenn männliche Kollegen Kommentare über Dich und Deine Arbeit abgeben?

Niemals. Ganz am Anfang meiner Karriere waren die Gegenstimmen natürlich sehr laut und es gab einige Regisseure, die mir erklärt haben, dass es keinen Markt für Pornos für Frauen gibt. Dass sie bereits alles gemacht haben, was die Menschen da draußen sehen möchten. Ich habe sie konsequent ignoriert und der Erfolg, den ich jetzt habe, bestätigt, dass sie damit falsch lagen. Im Laufe meiner Karriere habe ich immer mehr Anerkennung und Respekt für meine Arbeit als Filmemacherin bekommen. Meine Filme wurden bei vielen internationalen Events gezeigt und ich habe die Chance bekommen auch bei großen, eher dem Mainstream zugehörigen Veranstaltungen zu sprechen. 2019 wurde ich zur Berlinale eingeladen und hielt dort eine Keynote Speech. Außerdem wurde ich in die BBC’s 100 Women of 2019 gewählt. Diese Anerkennung, vor allem von außerhalb der Industrie, zeigt mir, dass die Leute zuhören und meine Arbeit wahrgenommen wird. Das macht mich sehr stolz.

Es gibt wohl kaum eine stärker männlich dominierte Industrie als die Pornoindustrie. Hast Du das eher als Herausforderung gesehen oder war das auch manchmal einschüchternd?

Männer dominieren sehr viele Berufsfelder, auch die Filmindustrie im Allgemeinen. Wenn wir immer darüber nachdenken, welche Industrie von Männern dominiert wird, bevor wir in diese einsteigen, dann bliebe für Frauen nicht sehr viel übrig. Wir leben in einer androzentischen Gesellschaft, die hauptsächlich auf von Männern geschaffenen Visionen und Idealen gegründet ist – da gehören Sex und die Repräsentation von Sexualität natürlich auch dazu. So hat sich in unserer Gesellschaft zum Beispiel die Auffassung durchgesetzt, dass Frauen weniger Lust beim Schauen empfinden als Männer, allerdings ist es unbedingt notwendig, diese Annahme in einem deutlich größeren Kontext zu betrachten. Wenn wir schauen, wer schaut dann und wer wird angeschaut? Dabei geht es immer um Macht und von einer historischen Perspektive aus betrachtet, muss immer auch beachtet werden, dass in der Regel der Mann als Subjekt, als Schauender, und die Frau als Objekt, als passive Angeschaute, definiert wurden. Viele, viele Jahre lang wurde Frauen vorgebetet, dass sie von Pornos nicht erregt würden. Aber auch Frauen sind sexuelle Wesen und können durch filmische Repräsentation genauso erregt werden wie Männer. Das hat mich in die Industrie gebracht. Ich war nicht eingeschüchtert, aber es war natürlich eine große Herausforderung dieses Narrativ zu ändern. Ich möchte, dass sich Frauen dazu ermächtigt fühlen, ihre Sexualität zu feiern und sie sollen sich Pornos ansehen können, die ihre vielfältigen sexuellen Vorlieben realistisch darstellen.

Wie lang hat es dann gedauert, bis Du davon überzeugt warst, dass das der richtige Weg ist?

Meinen ersten Film, The Good Girl, habe ich 2004 gemacht. Es war eine eher humorvolle Variante des klassischen Pizzaboten-Pornos. Ich habe den Film hochgeladen und frei zugänglich gemacht. In zwei Monaten wurde er zwei Millionen Mal heruntergeladen. Da habe ich realisiert, dass es auch andere Menschen gibt, die nach Alternativen zum Mainstream suchen, die damit nicht glücklich sind, was sie da draußen geboten bekommen. Also habe ich damit begonnen erotische Filme zu machen, die meinen eigenen Vorstellungen von Sex und Gender entsprechen.

Seit wann kannst Du schon von Deiner Arbeit als Regisseurin leben?

Seit 2004. Nach The Good Girl habe ich bei drei mehrfach ausgezeichneten erotischen Filmen Regie geführt: Five Hot Stories for Her, Life Love Lust und Carbaret Desire. Und zeichnete für das Barcelona Sex Project verantwortlich. Richtig los ging es aber mit dem Launch meiner audiovisuellen Website xConfessions im Jahr 2013. Ich bin mir sicher, dass der Erfolg sich auch deshalb einstellte, weil ich dem Zeitgeist gefolgt bin und auf meinen Plattformen alles komplett auf digital umgestellt habe. Zusätzlich habe ich ein Bezahlsystem eingeführt, das ein Abonnement erfordert. Mittlerweile besteht unser Produktionsteam aus 30 Angestellten. Außerdem betreuen wir vier verschiedene Standorte: XConfessions, LustCinema, EroticFilms und den Erika Lust Store. The Porn Conversation ist ein zusätzliches Non-Profit-Projekt und bei der XConfessions App handelt es sich um ein Spiel für Paare. Außerdem haben wir Kooperationen mit anderen Seiten, vertreiben also auch digital bereitgestellte Filme von anderen Produktionsfirmen im Erika Lust Store und unter LustCinema.

Verändert sich das Verhalten der Konsument*innen, wenn sie sich anmelden und für die Filme bezahlen müssen?

User*innen, die für die erotischen Filme, die sie digital konsumieren, bezahlen müssen, gehen bewusster mit der Thematik um. Ihnen ist auch bewusster, dass es Menschen gibt, die vom Filmemachen leben. Wenn Menschen für die Filme bezahlen, die sie wirklich sehen möchten und die ihre Visionen und Werthaltungen reflektieren, sendet das außerdem automatisch die Nachricht an Mainstream-Produzenten aus, dass ihr Content vielleicht nicht ganz so optimal ist. Wenn genug Menschen diese Nachricht aussenden, wird sich die Industrie massiv zum Besseren verändern.

Was bedeutet Feminismus in diesem Zusammenhang?

Obwohl meine Arbeit sehr oft so bezeichnet wird, klassifiziere ich sie nicht gerne als »feministischen Porno«. Der Begriff wird mittlerweile schon recht inflationär genutzt und sagt deshalb relativ wenig darüber aus, was ich mit meiner Arbeit erreichen möchte. Oft kommt es vor, dass ein erotischer Film schon alleine deshalb so bezeichnet wird, weil er von einer Frau gemacht wurde. Aber sobald ein Film als »feminist porn«, »ethical porn« oder »porn for women« bezeichnet wird, impliziert das immer auch irgendwie, dass es sich dabei nicht wirklich um einen Pornofilm handelt.

Trotzdem betone ich immer wieder, dass ich Feministin bin – und die Werte, die damit einhergehen, fließen natürlich in meine gesamte Arbeit ein. Meine Filme werden von diesen Werten und Visionen gestützt und durch diese auch nach außen weitergetragen. Und das bedeutet: Weibliche Sexualität und Lust stehen ganz oben. Deshalb achten wir auch darauf, dass auch die Akteure und Entscheidungsträger hinter der Kamera Frauen sind. Damit wären wir wieder bei der wichtigen Bedeutung des Female Gaze.

Welche Aspekte sind Dir darüber hinaus noch wichtig?

Meine Filme basieren auf gegenseitiger Einwilligung. Zwang, Missbrauch oder etwa Pädophilie haben in meinen Filmen keinen Platz. Reduktives Typecasting, Fetischisierung oder die Kategorisierung von Performer*innen basierend auf Alter, Ethnizität oder Körperform kommen bei mir ebenfalls nicht vor. Diese Werte wirken sich natürlich auch auf die Stimmung am Set und auf den Produktionsprozess aus. Es ist meine Überzeugung, dass alle Dinge, die vor der Kamera passieren, eng mit jenen verwoben sind, die sich hinter der Kamera abspielen – mit den Visionen und Idealen der Leute, die im Hintergrund agieren. Deshalb empfehle ich allen User*innen, sich anzusehen, wer die Filme produziert, die sie sehen möchten. Auch erotische Filme sollten unter fairen und sicheren Arbeitsbedingungen hergestellt werden und es sollte eine Paywall geben, damit das Leben der mitwirkenden Personen finanziell abgesichert ist. Darüber hinaus habe ich auch bestimmte Standards, wenn es um das »Rundherum« am Set geht. Catering, Möglichkeiten der Unterbringung der Kleidung, Abdeckung der Kosten für Gesundheits-Checks, falls notwendig Unterbringung und Transport und die Möglichkeit eines Managers oder einer Managerin am Set, die sich um die Wünsche der Performer*innen kümmert, gehören da dazu. Das klingt zwar sehr grundlegend und einfach, ist aber sehr wichtig. Heutzutage sehen sich viele Studios dazu gezwungen große Mengen an Content zu produzieren – mit sehr kleinen Budgets. Viele vergessen dabei auf ein adäquates Arbeitsumfeld.


Wer mehr über Erika Lust erfahren möchte, sollte sich unbedingt diesen Film ansehen.