Sheconomy: Lässt sich schon abschätzen, zu welchen Anteilen sich all die positiven Veränderungen in unserer Gesellschaft auf die Zeit nach der Krise übertragen werden? Oder ist es dafür noch zu früh?

Andreas Reiter: Wir konnten vor allem in der ersten Phase der Krise gut beobachten, wie schnell sich digitale Formate mit dem Ziel der gegenseitigen Unterstützung entwickelt haben. Die Erkenntnis, dass wir nicht nur voneinander abhängig sind, sondern dass wir auch in Win-Win-Situationen kommen müssen, hat sich sehr schnell ausgebreitet. Weil wir ohnehin schon digital vernetzt sind, überträgt sich diese technologische Konnektivität und Vernetzung auch auf emotionale und soziale Weise. Davon bleibt mit Sicherheit etwas hängen, aber inwiefern es sich dabei um eine langfristige Entwicklung handeln wird, muss sich erst zeigen. Vielleicht dann, wenn sich die soziale Lücke zwischen den verschiedenen sozialen Gruppierungen noch weiter vergrößert. Wenn die Krise also wirklich zu massiven Verwerfungen führt. Insgesamt glaube ich aber, dass man durch die Krise Empathie sehr zu schätzen gelernt hat.

Wer die Möglichkeit dazu hat, macht momentan Home Office. Wurde mit Corona jetzt das Ende der sogenannten Präsenzkultur eingeläutet, die ja in großen Teilen auch mit Kontrollmechanismen und Micromanagement einhergeht?

Ich bin sehr gespalten, wenn es um das Thema Home Office geht. Home Office ist ein Privileg von gewissen sozialen Schichten und jenen Menschen vorbehalten, die in wissensbasierten Berufen tätig sind. Und selbst hier ist es immer noch ein riesengroßer Unterschied, ob ich nur zu zweit oder alleine Home Office mache oder ich mit der ganzen Familie zu Hause bin. Da gibt es große soziale Unterschiede. Dasselbe trifft auch auf das sogenannte Homeschooling zu. Außerdem glaube ich, dass es bei solchen Themen immer Pendelbewegungen gibt. Vor der Krise wollten sehr viele Menschen hin und wieder von zu Hause aus arbeiten, die Unternehmen haben sich in vielen Fällen aber dagegen gesträubt. Jetzt schlägt das Pendel wieder in die andere Richtung aus, weil es nach mittlerweile sechs oder sieben Wochen im Home Office vielen wieder reicht und sie zurück in die Büros wollen. In der Zukunft könnten sich beide Modelle situativ überlappen. Der Arbeitsplatz ist für viele ja heutzutage ohnehin nicht mehr an einen Ort gebunden. Diese Multilokalität wird sich, sobald es wieder möglich ist, in Zukunft vielleicht noch stärker manifestieren. Aber auch das Büro der Zukunft wird sich verändern. Geschäftsführer*innen werden erkennen, dass 400 Quadratmeter Bürofläche vielleicht gar nicht notwendig sind. Trotzdem glaube ich, dass es Raum für Socializing geben muss, auch wenn dieser in Zukunft vielleicht mit etwas anderen Frequenzen genutzt wird.

Die Umstellungen, die viele Unternehmen vornehmen mussten, wurden nun schon öfter als Chance für eine neue Unternehmenskultur gefeiert. New Work ist hier das Stichwort. Sehen Sie das auch so?

Ich werde auf jeden Fall mit großem Interesse beobachten, wie Unternehmen langfristig mit diesen Umstellungen umgehen. Ich glaube, dass man sehr rasch erkennen wird, dass die Menschen situationselastisch manchmal das eine und manchmal das andere bevorzugen werden. Festgelegte Rituale und Zusammenkünfte in bestimmten Abständen wird es trotzdem brauchen.

Denken Sie, dass durch die Krise auch in den jeweiligen Teams Solidarität und Hilfsbereitschaft stärker verankern konnten?

Kollaborative Tools und kollaborative Formate haben sich schon vor der Krise stärker entwickelt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir immer stärker miteinander vernetzt sind. In einer so stark vernetzten Gesellschaft sind wir auch vermehrt aufeinander angewiesen. Das ist zwar durchaus positiv, hat jedoch, wenn man sich nun die Verbreitung des Virus anschaut, aber auch negative Seiten. Dass diese kollaborativen Stränge stärker werden, hängt auch damit zusammen, dass die Komplexität der Gesellschaft und auch der Arbeit mittlerweile so hoch ist, dass ich sie alleine nicht mehr lösen kann. Wir brauchen einander. Dieser Drang zu netzwerken und zu kooperieren wird in einer Krisensituation natürlich noch größer. Vieles davon wird leider wieder wegfallen, aber einige Dinge werden auch bleiben, weil sich diese Bedürfnisse auch weiterentwickeln werden.

Den sogenannten »Systemerhalter*innen« wird momentan mehr Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit zuteil als vor der Krise. Wie es mit den entsprechenden Kollektivverträgen aussieht ist jedoch eine andere Sache. Wäre es vermessen oder gar utopisch von einer zukünftigen Neu- oder Umbewertung von Arbeit zu sprechen?

Es wäre auf jeden Fall wünschenswert. Ich bin aber skeptisch, auch was diese Absichtserklärungen angeht. Aussagen, in denen es darum geht, dass Menschen in systemerhaltenden Berufen »künftig mehr zum Leben haben werden« sind zwar begrüßenswert, stecken meiner Ansicht nach aber auch voller Marketingabsichten. Immerhin hat man erkannt, dass diese kritischen Infrastrukturen sehr stark in weiblicher Hand liegen. Es ist also ins Bewusstsein gerückt, aber es ist noch ein weiterer großer Schritt zu richtiger Wertschätzung, also zu entsprechender Monetarisierung.

»Wenn eine Gesellschaft innovativ sein möchte – und das muss sie sein, um im Wettbewerb überleben zu können – dann muss sie auch sozial innovativ sein.«

Im Zuge der Krise wurden zumindest vereinzelt Rufe nach einem bedingungslosen Grundeinkommen wieder lauter. Wäre die momentane Situation der richtige Zeitpunkt gewesen, um einen Versuch in diese Richtung zu starten? Statt ein Hilfs- oder Entschädigungspaket nach dem anderen zu schnüren?

Das sehe ich auf jeden Fall so. Man hätte sich schon im ersten Monat darauf einigen müssen, dass eine Krise auch dazu da ist, um nach anderen, kreativen Lösungen zu suchen. Es wäre auf jeden Fall die richtige Phase gewesen, um ein soziales Experiment dieser Art zu starten. Ein solches Grundeinkommen, ob es jetzt bedingungslos sein muss oder nicht, darüber kann man streiten, wäre das ideale Mittel gewesen, um die Menschen durch diese schwierige Zeit zu bringen. Es hätte auch all die bürokratischen Abläufe einfacher gemacht und verschlankt. Wenn eine Gesellschaft innovativ sein möchte – und das muss sie sein, um im Wettbewerb überleben zu können – dann muss sie auch sozial innovativ sein.

Momentan ist ja auch sehr gut zu sehen, wie sehr die Menschen darunter leiden, wenn sie ihrer Arbeit gar nicht oder nur eingeschränkt nachgehen können. Viele entwickeln neue Ideen, aus denen sich dann mitunter auch neue Geschäftsideen ergeben. Das würde doch eigentlich das Argument entkräften, dass Menschen, die ein BGE erhalten, nicht mehr arbeiten würden. Oder liege ich da falsch?

Es liegt an der Gesellschaft, ein kreatives Umfeld zu schaffen, das den Menschen Empowerment ermöglicht und sie schlussendlich auch dazu bringt, aus sich heraus neue Qualitäten zu entwickeln und Dinge, die schon lange in ihnen geschlummert sind, auch zuzulassen. Erstmal dorthin zu kommen, ist aber eine Sache des Mindsets. Und wie wir alle wissen, sind Österreich und Deutschland nicht die experimentierfreudigsten Länder. Da überwiegen eher andere Qualitäten.