Als der Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus 1995 gegründet wurde, standen Hannah Lessing, damals Senior Manager im Correspondent Banking der Erste Bank, alle Türen zu einer aussichtsreichen Karriere in der Banken- und Finanzbranche offen. Zunächst war es nur ein Bauchgefühl, das sie dazu veranlasste, eine nach der anderen ganz leise zu schließen, dann war es das konkrete Angebot, den neugeschaffenen Nationalfonds als Generalsekretärin zu übernehmen. Aus der Welt der Zahlen wechselte Hannah Lessing in einen Bereich, in dem das Erzählte sehr schnell zu ihrem beruflichen Alltag wurde. Denn obwohl der Nationalfonds seit seiner Gründung rund 157 Millionen Euro an sogenannten „Gestezahlungen“ und 281 Millionen Euro an Entschädigungszahlungen an die Opfer des Nationalsozialismus und ihre Angehörigen ausgezahlt hat, sind es nicht die auf Papier gedruckten Ziffern, sondern die vielen kaum erzählten und nur sehr selten niedergeschriebenen Geschichten, um die es Hannah Lessing und ihrem Team geht.

»In unser kleines Büro, das wir am Anfang zur Verfügung hatten, kamen damals bis zu hundert Menschen am Tag, die einfach nur ihre Geschichten erzählen wollten, weil ihnen bisher noch nie jemand zugehört hatte«, erzählt sie. »Hätte ich bei all diesen Begegnungen ein Aufnahmegerät dabeigehabt, hätten wir jetzt 30.000 Lebensgeschichten abgespeichert. Wir wollten den Menschen aber auf gar keinen Fall vermitteln, dass es sich um eine Form von Tauschgeschäft handelt, sondern ihnen das Gefühl geben, dass wir als Republik Österreich spät aber doch sagen, dass es uns leidtut und wir helfen möchten.« Das Wort Wiedergutmachung möchte Hannah Lessing in diesem Zusammenhang keinesfalls in den Mund nehmen, denn es kann nur geholfen und nichts wiedergutgemacht werden.

Heute ist die Bewahrung all dieser Geschichten eines der wichtigsten Anliegen des Nationalfonds. »Wir haben den Menschen, mit denen wir in den vergangenen 25 Jahren gesprochen haben, versprochen, dass ihre Geschichten nicht vergessen werden. Und wir möchten jungen Menschen die Chance geben, aus diesen Erfahrungen zu lernen«, sagt Hannah Lessing und fügt in etwas dunklerer Stimmlage hinzu: »Auch wenn wir damit immer wieder scheitern. Eine Überlebende hat einmal zu mir gesagt, dass, wenn sie in einer Schulklasse nur ein Kind mit ihrer Geschichte berührt, sie schon etwas erreicht hat.« Kurz vor ihrem Antritt als Generalsekretärin des Nationalfonds hat Hannah Lessing ihren Vater, den bekannten Fotografen Erich Lessing, gefragt, welchen Wunsch er äußern würde, wenn sie im Namen der Republik zu ihm käme. »Zur Bestätigung meines Bauchgefühls wollte ich einfach wissen, was er von mir erwarten würde«, so Lessing. »Er hat darauf geantwortet, dass …

 

Das vollständige Portrait über Hannah Lessing können Sie in unserer Winterausgabe 2020 von »Sheconomy – Die neuen Seiten der Wirtschaft« nachlesen. Auf keinen Fall verpassen! Erwerben können Sie es ab jetzt am Kiosk oder unter office@sheconomy.at sowie auf unserer Webiste.