SHEconomy: Haben Unternehmen durch Corona einen anderen Zugang zum Thema Innovation bekommen, herrschen nun andere Prioritäten?

Fränzi Kühne: Wahrscheinlich ist es nicht das Thema Innovation, das sich geändert hat, sondern die Digitalisierung an sich, weil Unternehmen sehr schnell feststellen mussten wie remote Arbeiten funktioniert und wie sie die Digitalisierung nutzen können, wenn auf einmal die echte Welt von heute auf morgen zusammenbricht. Das ist es, was sich geändert hat, aber das hat für mich nichts mit Innovation zu tun. Denn die Werkzeuge, die jetzt genutzt werden, sind keine Innovationen, sondern sind beständige Tools, die es schon relativ lange gibt.

Laut Umfragen wollen selbst Unternehmen, die über eine zeitgemäße digitale Infrastruktur verfügen, ihre Leute lieber arbeiten »sehen«. Nachvollziehbar?

Das ist für mich eine sehr altmodische Führung. Ich muss nicht »sehen«, wie meine Mitarbeiter arbeiten, ich muss die Leistung anhand von Ergebnissen bewerten können. Das ist moderne Führung und nicht dieses Überwachen und Kontrollieren mit einer Stechuhr. Das braucht keiner, das halte ich für absoluten Quatsch. Durch Corona wurden die diesbezüglichen Missstände sichtbar. Jetzt lautet die Devise, schneller zu werden und an dem Digitalisierungs-Thema dran zu bleiben.

Warum wollen so wenige Frauen in technische Berufe gehen?

Keine Frage – technische Berufe, technische Ausbildung sind die Zukunft. Aber das Auseinanderdriften beginnt schon im Kindergarten und in der Schule, in der Art wie Mädchen und Jungen auf die Welt blicken. Mit welchen Rollenbildern werden sie konfrontiert? Es gibt eine schöne Studie, in der ein reines Mädcheninternat und Mädchenklassen beobachtet wurden, die in der Oberstufe plötzlich in gemischte Klassen gekommen sind. Diese Mädchen hatten ein viel höheres Selbstbewusstsein in Mathematik, in Biologie, in Physik, weil sie diese typischen Rollenbilder im Kindesalter nicht vermittelt bekommen haben. Diese tradierten Rollenmuster prägen nämlich schon sehr früh und ziehen sich durch ins Erwachsenenalter, ins Arbeitsleben. Wenn ich auf Bühnen immer nur Männer zum Thema Digitalisierung und Zukunft reden sehe, dann ist das etwas, wo irgendwann alle mal denken: Zukunftsthemen sind Männersache. Deshalb fordere ich ein, dass Frauen auf Bühnen gehen und über Digitalisierung referieren.

Sie haben eine Organisation mitgegründet, die sich genau diesem Thema widmet.

Diese Initiative heißt »Ohne Frauen, ohne uns«, und es geht um die Sichtbarkeit von Frauen bei Zukunftsthemen. Ich selbst nehme nicht mehr an Panels teil, wo es keine ausgewogene Geschlechterteilung herrscht. Und auf einmal bemühen sich die Veranstalter, weitere Frauen ins Panel zu kriegen. Es geht also doch!

 

DAS INTERVIEW IN VOLLER LÄNGE LESEN SIE IN DER AKTUELLEN PRINT-AUSGABE VON SHECONOMY.


INFOKASTEN: 

Fränzi Kühne und »die gelbe Gefahr«

Eine kurze Chronologie des Erfolgs

Im Jahr 2008 gründete Fränzi Kühne, gemeinsam mit Christoph Bornschein und Boontham Temaismithi, die Berliner Digitalagentur »Torben, Lucie und die gelbe Gefahr« (TLGG). Binnen weniger Jahre mutierte

TLGG zu einem der erfolgreichsten Digitalisierungs-Berater Deutschlands, zu deren Kunden unter anderem die Lufthansa,  Mont Blanc, Bayer oder einige Automarken zählten. Ende 2019 fasste sie den Beschluss aus ihrer Firma, die bereits 190 Mitarbeiter zählte und 2015 an eine große Agenturgruppe verkauft worden war, auszusteigen. Ihre Posten als Aufsichtsrätin bei Freenet – Fränzi Kühne zog 2017 als jüngste Kontrolleurin Deutschlands in das Gremium der Telekommunikationsfirma ein – und bei der Württembergischen Versicherung hat sie behalten. Außerdem ist sie Co-Initiatorin der Kampagne »Ohne Frauen. Ohne Uns.«, die sich für ein paritätisches Panel-Prinzip einsetzt und rein männliche Diskussions- oder Speakerrunden ablehnt.

Header © Alexandra Kinga Fekete / photoselection