Chronische Überanstrengung mit Anstrengung zu bekämpfen, kann auch eine Form von Ausgleich sein. Man hat das in der Unterstufe schon gelernt: Minus und Minus ergibt Plus. Bekanntlich lernt man ja auch nach der Schulzeit und sowieso ein Leben lang weiter, deshalb aktualisiert sich diese auf den ersten Blick seltsam anmutende Gleichung später gleich noch einmal: Den schrecklichen Kater mit Bier abzumurksen, funktioniert ja schließlich auch. Meistens jedenfalls. Auf eine ähnliche Form der ausgleichenden Rechnung lässt sich wohl auch die Idee (Ist es eine Idee, ist es eine Schnapsidee?) zurückführen, nach dem anstrengendsten Bürotag der Woche ins Boxstudio zu schauen. Auf eine Schnupperstunde und jenen seltsamen Ausgleich, der eingangs bereits beschrieben wurde. Schon beim Betreten des Studios wird klar: Wer hier reinschnuppert, hat entweder sofort die Nase voll davon oder kann sich ein Leben ohne den Geruch von vertrocknetem Blut auf verschwitzten Boxhandschuhen nicht mehr vorstellen. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht, schließlich steht hier, in der Wiener Innenstadt, vor allem Fitnessboxen am Programm. Dementsprechend ist der Frauenanteil recht groß und der Körperfettanteil bei ebendiesen Frauen recht gering. Darüber hinaus ist eines sofort offensichtlich: Hier liegt Leidenschaft in der Luft. Und nicht nur das: Hier geht es um den Willen an sich zu arbeiten. Passt also gut in unsere Zeit, in der die permanente Arbeit an sich selbst zum eigentlichen Vollzeitjob geworden ist.

Pausenfüller 2.0 

Das Training beginnt und an den anderen Vollzeitjob, also an jenen, der Miete, Auto und den rettenden Proteinshake nach dem Training möglich macht, denkt bald niemand mehr. Auch für plötzliche Gedankensprünge bleibt kein Platz, denn in den nächsten 15 Minuten dreht sich alles nur noch um die Springschnur und diese sich mit gleichmäßigen Blopp-Geräuschen um den Körper jeder einzelnen Fitnessboxerin. Wenn sie nicht gerade zwischen den Zehen oder im Pferdeschwanz hängenbliebt, die blöde Springschnur. Andere Geschichte. Die Springerei steht den meisten BoxerInnen schnell ins Gesicht geschrieben. Mit hochroten Köpfen kämpfen sie sich zur lang ersehnten Pause durch. Einige sind schon länger dabei, das merkt man. Ihre Gesichter haben ihre natürliche Farbgebung behalten und sind so frei von Schweißpartikeln als lägen sie unter einer unsichtbaren Maske aus Löschpapier. Zwischenpausen gibt es, allerdings haben sie mit dem bekannten Pausenmodell nur wenig zu tun. Plank, Liegestütze, Kniebeugen, Sit-ups, das sind die Pausenfüller, die hier den Begriff Pause in außerordentlich schwummriges Licht tauchen.

Am Ende zählt nur der Stolz. Und die Magnesiumtablette. 

Als »schwummrig« kann mittlerweile auch der körperliche und geistige Zustand vieler TeilnehmerInnen bezeichnet werden. Dann endlich: Wirklich Pause. Pause »Old School« oder »Version 1.0« sozusagen. Also erstmal reichlich Wasser runterschütten und ein kleines Handtuch aus dem studioeigenen Handtuch-Kühlschrank in den Nacken legen. Ja, so etwas gibt es hier. Der Vorspann ist also vorbei. Jetzt geht es ans Eingemachte, wie man so schön sagt. Also ans Boxen, bitte nicht gleich an die Eingeweide. Alle haben Handschuhe an und stehen einander jeweils paarweise gegenüber. Dann werden Schläge geübt. Rechte Gerade, linke Gerade, Haken, Uppercut. Die Hüfte muss mitgedreht werden. Allerdings sehen viele, nach mittlerweile knapp 50 Minuten auf der Matte so aus, als befürchteten sie, dass das letzte Drehmoment des heutigen Abends jenes des »Ham drahns« sein könnte. WienerInnen verstehen. Von irgendwo ganz weit her ein Piepsgeräusch und zum Abschluss nochmal Plank und Liegestützen. Bei kaum jemandem sehen die jetzt noch so aus wie im Lehrbuch. Wer jetzt noch auf der Matte stehen kann, der weiß, dass die Redewendung »auf der Matte stehen« so viel mehr bedeutet als zu irgendeiner Uhrzeit irgendwo zu sein. Es bedeutet überhaupt noch zu sein. Es bedeutet dieses gerade noch mögliche Sein wirklich zu spüren. Nicht nur heute, sondern garantiert auch noch morgen. Und am übernächsten Tag wahrscheinlich auch noch. Hat sich die Schnappatmung dann erstmal gelegt, schnappt die Falle der Begeisterung zu. Diese wird vor allem aus der Quelle unendlichen Stolzes gespeist. Am Schluss bleiben viele Fragen unbeantwortet: War es eine Idee, war es eine Schnapsidee? Wäre Schnaps nun das Richtige? Wo steht Omas Melissengeist? Und vor allem: Ist es der Ausgleich, der nun spürbar ist oder ist es nur eine weitere Spielart unendlicher Erschöpfung, die sich, zwecks gesellschaftlicher Akzeptanz und Anerkennung, als Ausgleich verkleidet hat? Eigentlich wurscht. Am Ende zählt nur der Stolz. Und längerfristig betrachtet vermutlich auch die Magnesiumtabeltte vor dem Einschlafen.

 

Sheconomy Bewertung:

Ausgleich oder gleich aus? Eher gleich aus
Kalorienverbrauch? Laut der »British Heart Foundation« & der »Sports and Fitness Industry Association« 500 Kalorien in 30 Minuten
Erwarteter Muskelkater? 9/10
Proudness-Level? 10/10