Die Arbeitslosenzahlen sinken zwar, allerdings sind immer mehr ältere Menschen ohne Job. Gleichzeitig verändert sich demographisch im Moment sehr viel und die Gesellschaft wird älter. Was läuft hier falsch?

Der demografische Wandel ist nach dem Klimawandel die zweitgrößte Herausforderung unserer Gesellschaft. Wir leben alle länger und bleiben gleichzeitig immer jünger. Das bedeutet, dass ein 60-jähriger Mensch heute das biologische Alter eines 40-Jährigen von vor 100 Jahren hat. Umso absurder ist es, dass wir Menschen mit Anfang 60 aus dem Arbeitsmarkt drängen und sie auf’s Abstellgleis stellen. Aber nicht nur Politiker*innen und Unternehmer*innen, sondern jede und jeder Einzelne selbst, muss sich damit auseinandersetzen, dass die Einteilung in vorberufliche, berufliche und nachberufliche Phase nicht mehr gültig ist. Wir haben so viel investiert in die Verlängerung unseres Lebens, aber noch nicht darin, was wir eigentlich mit diesem Privileg, mit dieser neu gewonnenen Lebensphase machen können.

Viele Menschen denken, dass sie ab einem bestimmten Alter »eh nichts mehr finden«. Ist diese Sorge berechtigt?

So würde ich das nicht sagen. Es stimmt, dass wir am Arbeitsmarkt immer noch stark verfestigte Vorurteile finden und es über herkömmliche Wege oft nicht möglich ist etwas zu finden. Wir haben in einem Jahr 400+ registrierte Firmen auf unserer Plattform, die wiederum zeigen, dass es endlich ein Umdenken bei vielen Arbeitgebern gibt.

Verkennen Unternehmen die Potenziale erfahrener Mitarbeiter*innen?

Der Mensch hat in jeder Lebensphase Fähigkeiten und Potenziale, die besonders in den Vordergrund treten. Während wir in unserer Jugend über eine gewisse Naivität und Mut zum Ausprobieren verfügen, werden wir mit zunehmendem Alter vor allem effizienter und produktiver. Das Potenzial liegt darin, dass erfahrene Mitarbeiter*innen bereits viele Situationen mehrmals erlebt und verarbeitet haben, und daher komplexe Zusammenhänge besser verstehen und Verhaltensmuster erkennen können. Das ist besonders im Umgang mit Kunden, in Sales- und Verhandlungsgesprächen, aber auch bei Prozessoptimierung, Produktentwicklung oder Qualitätssicherung von großem Vorteil. Die langjährige Expertise im jeweiligen Fachbereich kommt dann noch dazu.

Bei welchen Jobs ergeben sich, eurer bisherigen Erfahrung nach, für Senior Talents die besten Chancen? Lässt sich das irgendwie clustern?

Unsere Senior Talents kommen derzeit vor allem in drei Bereichen zum Einsatz. Dort, wo es soziale Kompetenzen und Kundenorientierung braucht, wie etwa im Vertrieb, Kundenservice oder Empfang. Dann auch in Positionen, die einen sorgfältigen Umgang mit Daten bzw. viel Genauigkeit verlangen, zum Beispiel im Bereich Buchhaltung, Controlling und Administratives. Und drittens in Bereichen, die eine langjährige Fachexpertise verlangen, wie etwa bei Anlagenwartung, Qualitätsmanagement oder auch Lehrlingsausbildung.

Das Alter spielt bei den meisten Unternehmen im Diversity-Mix noch kaum eine Rolle. Warum ist das so und wird sich das in Zukunft ändern müssen? Den demographischen Wandel mitbedacht …

Ja, das ist leider wahr. Wobei man fairerweise sagen muss, dass es gleichzeitig auch viele Unternehmen gibt, die sich verjüngen oder mehr Frauen einstellen müssen. Generell können wir aber sehen, dass es nach wie vor sehr starke Vorurteile gegenüber allen Dimensionen der Diversität gibt. Hier müssen Firmen dringend ihre Führungskräfte und Recruiter*innen sensibilisieren. Denn ohne mehr Frauen, mehr Migranten, mehr Menschen mit Behinderung und vor allem mehr Menschen über 55 im Arbeitsmarkt, wird unser Wirtschaftssystem massive Einbußen machen. Schließlich müssen bereits jetzt viele Unternehmen Aufträge ablehnen oder ganze Betriebe schließen. Spätestens in fünf Jahren, wenn alle Babyboomer massenhaft in Rente gehen, wird aus dem fluffigen Begriff »Diversity« eine knallharte Realität für zahlengetriebene Unternehmen, die das heute noch zu ignorieren versuchen.

Was bedeutet für Dich Innovation?

Innovation bedeutet für mich das Lösen komplexer Fragestellungen. Und zwar durch interdisziplinäres, vernetztes Denken.

Kann Innovation auch aus Erfahrung entstehen? Ist in einem Unternehmen jeweils das eine vom anderen abhängig?

Das Thema Innovationspotenzial älterer Menschen finde ich sehr spannend. Es gibt einige wirklich interessante Studien, die dargestellt haben wie erfahrene Mitarbeiter*innen Innovationsprozesse essentiell optimieren und durch langjährige Berufserfahrung in der Umsetzung neuer Ideen wertvoll mitwirken können. In Deutschland gibt es sogar einen Award für »Silverpreneure«, also Menschen, die im hohen Alter innovative Firmen gründen. Auch wir haben bereits Fachexpert*innen in Startups oder Innovationsagenturen vermittelt, wo sie gemeinsam mit Jüngeren an der Entwicklung und Vermarktung neuer Produkte arbeiten. Das ist vor allem auch unter dem Aspekt sinnvoll, dass die kaufkräftigste Kundengruppe ja nicht die Millennials oder Generation Z sind.

Wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen WisR zu gründen? Hat sich diese Idee länger angebahnt oder gab es so etwas wie eine Initialzündung?

Die Initialzündung hatte ich eigentlich nach dem ich vier Wochen zu Fuss nach Rom gepilgert und viele junge Pensionisten getroffen habe, die zum Teil fitter waren als ich. Aber bereits davor habe ich mich mit dem Thema Alternde Gesellschafte auseinandergesetzt, vor allem weil ich es in meiner Familie gesehen habe wie sehr Menschen unter dem Pensionsantritt und der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung und fehlenden Wertschätzung leiden. Und nicht zuletzt hat mich die Zukunft der Arbeit immer schon interessiert, weil ich einfach nie verstehen konnte warum Menschen Arbeit als Ausbeutung und Belastung sehen wollen.

Was sind eure nächsten Schritte? Könntest Du uns da einen kleinen Ausblick geben?

(lacht) Wie immer bei Startups: wachsen. Da wir eine englische Website und Marke haben, bekommen wir bereits Anfragen aus Ländern wie Rumänien, Ungarn, Tschechien, Bulgarien, aber auch China, Israel, Südafrika und Australien. Darauf wollen wir reagieren und werden gemeinsam mit unseren Investor*innen weiterhin Kapital aufstellen, um in andere Länder zu gehen.

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