SHEconomy: Welche Studienrichtung in Ihrem Haus hat den höchsten Frauenanteil und warum?

Anna Steiger: Schon seit mehreren Jahren die Architektur. Da haben wir einen Frauenanteil von fast 60 Prozent. Möglicherweise liegt das daran, dass es nicht unbedingt als technisches Studium wahrgenommen wird, sondern eine Verbindung von Technik sowie kreativen und künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten ist.

Wie viele Frauen beenden das Studium? 

Etwa so viele wie es beginnen. Da gibt es kaum so etwas wie einen »leaky pipeline effect«. Der kommt erst später, nämlich bei den Lehrenden: Da haben wir einen wesentlich höheren Männeranteil.

Wie weit ändern die Digitalisierung und Industrie 4.0 etwas am weiblichen Zulauf zu technischen Studienfächern? Schließlich fällt das Argument, dass Technik mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sei, zunehmend weg.

Das ist wohl wahr. Aber ich glaube, dass sich das Klischee noch immer hartnäckig hält. Der Ingenieur ist im deutschsprachigen Raum nach wie vor männlich konnotiert. Man verbindet ihn immer noch mit dem … – wie heißen diese blauen Anzüge?

Blaumann!

Dieser Blaumax oder Blaumann, der wird immer noch stark mit technischen Berufen in Verbindung gebracht. Um ihre Frage zu beantworten: Einen regeren Zulauf aufgrund der Digitalisierung zu Studienrichtungen wie Maschinenbau oder Elektrotechnik spüren wir noch nicht.

Warum bleibt der Studienanteil so niedrig, obwohl seit Jahren propagiert wird, dass den technischen Berufen die Zukunft gehört?

Da kommen einige Faktoren zusammen. Sie betreffen nicht nur die universitäre technische Ausbildung, sondern auch die Lehrberufe. Auch bei den technischen HTLs gibt es ganz wenige Mädchen. Hinzu kommt, dass Österreich, ähnlich wie Deutschland, ein sehr traditionelles Frauenbild hat. Ich würde auch nicht behaupten, dass Österreich wahnsinnig technikaffin ist. Wenn Sie einen Politiker fragen »Na, wie warst du in der Schule?«, dann heißt es immer gleich: »Jo eh, aber oh Gott in Mathematik.«

»Jeder will das allerneueste Handy, aber an der Entwicklung solcher Geräte sind dann nur mehr sehr wenige interessiert.« 

Quasi wie eine Auszeichnung? 

Schon ein bisschen. Natürlich muss man für ein Technik-Studium gut sein in Mathematik, das gilt aber auch für Architektur. Interessant ist ja auch: Jeder will das allerneueste Handy, aber an der Entwicklung solcher Geräte sind dann nur mehr sehr wenige interessiert. Mich erstaunt so etwas immer wieder.

Weil wir jetzt kurz ins Private gegangen sind: Wo wurde bei Ihnen der Grundstein zur Technikaffinität gelegt?

Ich muss Sie insofern enttäuschen, als dass ich selbst Juristin bin. Ich habe mich aber immer für Technik interessiert und war eine ausgezeichnete Mathematikerin. Als Schülerin war ich bei der Mathematikolympiade dabei, ich habe es geliebt! Es gibt aber in unserer Familie eine witzige Geschichte: Mein Bruder, der genauso gut in Mathematik war, hat technische Mathematik studiert – er arbeitet jetzt in einer Bank. Und ich, die Juristin, bin in der Technik gelandet! Ich finde es inspirierend, an einem Ort zu sein, an dem Innovationen passieren und mit KollegInnen zu arbeiten, die die Zukunft mitgestalten.

Was unternimmt die TU, um in den Fächern abseits der Architektur für Frauen attraktiver zu werden?

Wir haben einen eigenen MitarbeiterInnen-Kindergarten, klarerweise mit einem technisch lehrenden Touch. Wir bieten Ferienwochen mit Laborbesuchen für Kinder jeden Alters an. Wir laden auch Kinder aus den umliegenden Schulen ein. Wir arbeiten explizit zusammen mit Schulen, die einen hohen MigrantInnenanteil haben. Und wir beteiligen uns an den »Frauen in die Technik« (FiT)-Tagen: Wir laden junge Frauen ein, ein Praktikum bei uns zu machen. Wir haben ein wirklich dickes Heft mit Maßnahmen für Mädchen jeder Altersstufe.

Beginnen diese Maßnahmen schon zu greifen?

Der Frauenanteil wächst, wenn auch langsam. Die technische Chemie und technische Mathematik sind Richtungen, bei denen wir mittlerweile einen Frauenanteil von fast 40 Prozent haben. In der Informatik sind es circa 20 Prozent – in Zeiten der Digitalisierung viel zu wenig.

Wie schaut es denn aus, wenn man mit dem Technikstudium fertig ist? Haben Frauen dann tatsächlich auch die gleichen Chancen bei Bewerbungen?

Mir wird immer wieder versichert, dass Frauen im Moment sehr gute Chancen haben. Gerade Betriebe im technischen Bereich sowie die Großindustrie haben oft eigene Diversity- und Genderstrategien und versuchen, bewusst Frauen anzusprechen. Wir haben ein Career-Center, das unsere Studierenden unterstützt, da gibt es immer wieder Aussagen wie: »Frau Steiger, wo sind Ihre Mädchen?«

Gibt es einen Aspekt in der ganzen Diskussion, der stärker thematisiert werden sollte?

Ich würde nochmal die Digitalisierung hervorheben. Ich glaube, wir sollten uns alle bewusst sein, dass jene, die im Moment die Welt von morgen programmieren und gestalten, 25-jährige Männer sind. Und die haben ihr bestimmtes Mindset. Umso wichtiger wäre es, dass wir Frauen uns bei dieser Entwicklung massiv einbringen. Wir müssen da echt aufpassen, dass der Zug nicht ohne uns abfährt.