Sheconomy: Welche waren die erfolgreichsten/meist genützten Online-Learning-Plattformen während Corona-Zeiten?

Mariya Gabriel: Die besten Hilfsmittel und Plattformen sind jene, die auf die Bedürfnisse der Lehrkräfte und Lernenden eingehen. Pädagogische Ziele sollten stets Vorrang vor der Wahl der technischen Mittel haben. Die Europäische Kommission nutzt ihre eigenen Bildungsplattformen eTwinning, School Education Gateway und EPALE – eine Plattform für Erwachsenenbildung – um Lehrkräften zu helfen, sich an die neue Realität des Fernunterrichts anzupassen. eTwinning zum Beispiel ist die weltweit größte Lerngemeinschaft für Lehrkräfte. Jene Lehrerinnen und Lehrer, die die Plattform schon vor den Schulschließungen genutzt hatten, waren besser auf den Online-Unterricht vorbereitet. Mehr als 6.000 Lehrkräfte haben an eigenen Online-Kursen während der Corona-Zeit teilgenommen. Und in Österreich hatten die eTwinning-Kurse für Lehrkräfte siebenmal mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als vor der Krise.

Was meinen Sie wird davon auch nach Ende des Lockdowns erhalten bleiben?

Erstens möchte ich betonen, dass alle Beteiligten ins Klassenzimmer zurückkehren wollen. Der positive Einfluss persönlicher Interaktionen ist offenbar ein Schlüsselaspekt für effektives Lernen, der allen sehr fehlt. Zweitens ist die Corona- Zeit eine intensive Lernphase im Hinblick auf das Potenzial digitaler Technologien in der Bildung sowie die digitale Bereitschaft und Belastbarkeit unserer Bildungssysteme in Europa. Aus dieser Zeit werden wir viele Lehren ziehen können. Drittens haben Studierende, Lehrende und Familien die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Fernunterrichts kennengelernt. Die Krise hat auch die Verbindung zwischen Schulen und Familien gestärkt, denn sie mussten enger zusammenarbeiten als je zuvor. Die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer erfährt jetzt aus meiner Sicht mehr Wertschätzung, denn man hat gesehen, wie schwierig und gesellschaftlich enorm wichtig dieser Beruf ist. Ich hoffe, diese Wertschätzung und die neue Solidarität zwischen Familien und Schulen überdauern die Krise.

Was sind Nachteile?

Es wurde deutlich, dass die Schulschließungen Ungleichheiten und Spaltungen noch verschärft haben. Nicht alle Schülerinnen und Schüler haben Zugang zur notwendigen Technik oder leben in einer fördernden Umgebung. Für ältere Schulkinder steigt das Risiko eines Schulabbruchs, wenn sie zum Beispiel arbeiten müssen, um das Familieneinkommen aufzubessern. Frühe Schulabgänge zu verhindern, war für Schulen schon vor der Krise schwierig, und dieses Problem hat sich nun sicherlich verschärft. Auch dafür will ich Lösungen finden. 

Wie stark wird generell auf EU-Ebene eine Umstellung des uns bekannten Schul- und Bildungssystems auf eine digitale Ebene diskutiert?

Aus meiner Sicht geht es nicht darum, Bildung in digitale Bildung „umzuwandeln“, sondern vielmehr darum, wie digitale Technologien den Bildungszielen dienen können. Wie können wir digitale Technologien für das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert nutzen und die Schülerinnen und Schüler auf das Leben in einer Welt vorbereiten, in der diese Technologien allgegenwärtig sind und sowohl Risiken als auch Chancen bergen? Ein gemeinsames EU-weites Ziel ist eine hochwertige und inklusive Bildung, die unserem digitalen Zeitalter gerecht wird.

»Die Erwachsenenbildung steht in der Krise vor ähnlichen Hürden wie das Bildungssystem allgemein. Es fehlt mitunter am Zugang zur nötigen Technik, an digitalen Kompetenzen oder am Vertrauen in die Online-Umgebung.«

Kritiker der Einbindung des Digitalen in den Unterricht (und in Folge auch des Pisa- und Bologna-Systems) behaupten, dass dieses dazu führe, dass man Noten wie Supermarktpunkte sammelt und diese daher wenig über die tatsächliche Bildungsqualität eines Landes aussagen würden. Wie stehen Sie dazu?

Diesen Standpunkt teile ich nicht, denn die Bildungsqualität beruht auf zahlreichen Faktoren. Sowohl ein persönlicher, als auch ein virtueller Unterricht kann qualitativ hochwertig sein oder eben nicht, abhängig von Faktoren wie dem pädagogischen Zugang und dem Unterrichtsstil. Bei digitalen Technologien steht und fällt die Bildungsqualität mit der Art und Weise, wie die Instrumente eingesetzt werden. Es gilt, die Technologie zu nutzen, um die Lernerfahrung zu verbessern und zu erweitern – und nicht, um gewohnte Praktiken zu digitalisieren. Die Herausforderung besteht darin, die Lernerfahrung relevanter, ansprechender und individueller zu gestalten und Kompetenzen des 21. Jahrhunderts zu entwickeln: Zusammenarbeit, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken.

Wie schaut es mit Erwachsenenbildung aus? Wurden diese drei vergangenen Monate von Erwachsenen vermehrt genützt?

Die Erwachsenenbildung steht in der Krise vor ähnlichen Hürden wie das Bildungssystem allgemein. Es fehlt mitunter am Zugang zur nötigen Technik, an digitalen Kompetenzen oder am Vertrauen in die Online-Umgebung. Hinzu kommt, dass Erwachsene in dieser Stressphase oft viele Aufgaben miteinander vereinbaren müssen und mit Arbeitsplatzverlust, Einkommenseinbußen oder Krankheit konfrontiert sind. Die Lockdown-Phase hat jedoch auch neue Möglichkeiten für das Lernen von zuhause aus eröffnet. Zahlreiche Anbieter haben ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung gestellt, und es sind unzählige neue Kurse und Online-Lernmittel entstanden. Vielen ist erst jetzt bewusst geworden, welcher Reichtum an Inhalten online verfügbar ist. Trainerinnen und Trainer in der Erwachsenenbildung können zum Beispiel auf EPALE – der elektronischen Plattform für Erwachsenenbildung in Europa – hochwertige Schulungsmaterialen abrufen, auch um digitale Kompetenzen zur Bewältigung der COVID-19-Krise zu vermitteln.

Wie sehr hat Corona dazu beigetragen, die digitalen Kompetenzen der Arbeitnehmer/KMUs und EPUs auszuweiten?

Vor COVID-19 war Teleworking in der EU kaum verbreitet. In allen 28 EU-Ländern arbeiteten 2018 nur fünf Prozent der ArbeitnehmerInnen regelmäßig und zehn Prozent gelegentlich zuhause. Für 85 Prozent war Homeoffice kein Thema. Nun ist es jedoch für sehr viele Arbeitskräfte plötzlich Realität geworden. Laut Eurofound, der europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, haben 35 Prozent der europäischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen COVID-19 begonnen, von zuhause aus zu arbeiten, und in den meisten EU-Ländern lag der Anteil bei über 30 Prozent. Sehr viele Arbeitskräfte mussten sich, ebenso wie ihre Arbeitgeber, sehr schnell die nötigen Fähigkeiten für das Arbeiten im Homeoffice aneignen. Große Unternehmen mit Personal- und Schulungsabteilungen hatten die Abläufe für die Umstellung auf Telearbeit schon in der Schublade, kleinere Unternehmen jedoch nicht. Sie stehen vor größeren Herausforderungen, was das Arbeiten im Homeoffice und die Cybersicherheit angeht.

Was hat die Umstellung ans Tageslicht gebracht?

So beindruckend die rasche und weitreichende Umstellung auf Telearbeit ist, so deutlich hat das Coronavirus auch die Bedeutung digitaler Fähigkeiten und die Kluft zwischen den Kompetenzen der Arbeitskräfte und dem Bedarf der Unternehmen zutage befördert. Daher ist es besonders  wichtig, Klein- und Mittelbetrieben Online-Schulungsinhalte zur Verfügung zu stellen und Orientierungshilfen für eine erfolgreiche Umsetzung von Telearbeit zu geben. Denn das Arbeiten aus der Ferne wird uns, in gewissem Umfang, erhalten bleiben.

»Die digitale Welt macht nicht alle gleich, sondern sie spiegelt die gesellschaftlichen Ungleichheiten im Bildungsbereich wider und verstärkt sie bisweilen sogar.« 

Welche Instrumente hat die EU in dieser Situation angeboten, und wie stark wurden sie genutzt?

Aufgrund von COVID-19 und seinen Auswirkungen auf die Beschäftigung und den Bildungsbereich mussten wir noch intensiver daran arbeiten, Online-Schulungen für digitale Kompetenzen auf einer einzigen EU-Website zugänglich zu machen. Ein erfolgreiches Beispiel ist eine neue Schulungsplattform für über eine Million Arbeitskräfte in der europäischen Automobilbranche, die aufgrund von Produktionsstopps vorübergehend arbeitslos sind. Diese offeriert kostenlose Online-Schulungen, in denen neue Kompetenzen für eine berufliche Zukunft in der Branche vermittelt werden. Meist handelt es sich um vorübergehende Angebote, doch die Kommission arbeitet auch an längerfristigen Initiativen wie der Europäischen Plattform für digitale Kompetenzen und Arbeitsplätze. Die Plattform wird mit dem neuen Europass-Portal verknüpft, das Anfang Juli starten soll und die Darstellung der eigenen Qualifikationen abbildet und damit die europaweite Suche nach Arbeits- und Ausbildungsplätzen vereinfacht.

Abschließend: Was sind Ihrer persönlichen Meinung nach die größten Vorteile, die die Digitalisierung dem Bildungswesen gebracht hat, was die Nachteile?

Wir haben gesehen, wo die Grenzen des Lernens mit Online-Technologien liegen, und wir wissen jetzt, dass wir eine tiefe digitale Kluft überwinden müssen. Vermutlich ist uns mehr denn je bewusst geworden, wie sehr wir physische Interaktion brauchen, um den Lernprozess richtig einzubetten. Die digitale Welt macht nicht alle gleich, sondern sie spiegelt die gesellschaftlichen Ungleichheiten im Bildungsbereich wider und verstärkt sie bisweilen sogar. Die COVID-19-Krise hat aber auch gezeigt, dass wir online sehr viel mehr tun können als gedacht. Technologien und der effiziente Umgang mit ihnen haben sich rasant verbessert. Das eröffnet uns ein enormes Entwicklungspotenzial. Allerdings müssen wir digitale Technologien so einsetzen, dass sie unseren Zielen dienen. Wir wollen nicht von der Technik überrollt werden

Header © Picturedesk